Die Gefangene mit dem Drachen-Tattoo rührte niemanden an, nachdem sie die Bullin vor allen anderen auf den Boden geschickt hatte

Ich arbeite seit elf Jahren als Vollzugsbeamtin in der JVA Chemnitz. Man gewöhnt sich an vieles. An den Geruch von Industriereiniger, der sich morgens mit dem Kaffeeduft aus der Kantine mischt. An das elektronische Summen der Schleusen. An Gesichter, die man nie wieder vergisst, weil sie einem jede Woche am Gitter gegenüberstehen.

Aber an manche Tage gewöhnt man sich nicht.

Der Tag, an dem Nadia Berger eingeliefert wurde, war ein Dienstag. Es hatte seit drei Tagen geregnet, und durch die Milchglasscheiben im Aufnahmetrakt wirkte das Licht, als würde es durch Wasser fallen. Ich hatte gerade die Übergabepapiere einer anderen Gefangenen abgezeichnet, als ich sie zum ersten Mal sah: klein, drahtig, höchstens fünfundzwanzig. Ihre Hände steckten in den Taschen der grauen Anstaltsjacke, die ihr zwei Nummern zu groß war. Auf dem linken Unterarm, der aus dem Ärmel ragte, wand sich ein schwarzer Drache vom Handgelenk bis fast zum Ellenbogen. Den Hals bedeckte ein Muster aus Linien, das aussah wie Risse in dunklem Glas.

Sie sprach nicht. Sie hob nicht einmal den Kopf.

Die anderen Frauen beäugten sie wie ein neues Tier im Käfig. In einer Haftanstalt ist ein Neuzugang Unterhaltung. Meistens hält das ein paar Tage, dann holt der Alltag alle wieder ein. Aber Nadia gab ihnen nichts. Kein Weinen, kein Schimpfen, kein Angebiedere. Sie beantwortete Fragen mit einem Wort, wenn es sein musste. Sie saß beim Hofgang an der Mauer, auch wenn es regnete. Sie wirkte nicht wie jemand, der Schutz suchte. Eher wie jemand, der einen Grund vermied, ihn zu brauchen.

Ich dachte: Die will einfach nur ihre Zeit absitzen. Ich habe mich selten so gründlich geirrt.

Es gab da eine Frau namens Katrin Mahler. Alle nannten sie „die Mahler". Sie war seit sieben Jahren in Haft, wegen schwerer Körperverletzung, und hatte in dieser Zeit eine Hierarchie aufgebaut, die stabiler war als mancher mittelständische Betrieb. Zwei Frauen wuschen ihre Wäsche. Eine bügelte ihre Anstaltskleidung. Die Neuankömmlinge gaben ihr freiwillig den Nachtisch, die Apfelschorle, manchmal das ganze Abendbrot. Das war der Deal: Essen gegen Ruhe.

Als Neuling lernt man die Regeln schnell. Nadia lernte sie auch. Sie hielt sich nur nicht daran.

Vier Tage nach ihrer Ankunft saß sie allein im Speisesaal am Tisch neben dem Getränkespender. Es gab Linseneintopf, Brot, einen Becher Tee. Sie aß ruhig, den Rücken halb zur Wand, die linke Hand neben dem Tablett. Ich stand hinten an der Tür und sah alles, weil ich in dieser Woche Aufsicht im Speiseraum hatte. Man lernt, solche Momente zu erkennen, bevor sie passieren. Das Geräusch im Raum verändert sich. Gespräche werden leiser. Löffel bleiben liegen.

Die Mahler stand auf.

Sie ging an drei Tischen vorbei, ohne jemanden anzusehen. Zweihundert Frauen taten so, als sei nichts. Und dann stand sie vor Nadia.

„Gib mir dein Essen."

Nadia kaute an einem Stück Brot. Sie schluckte. Sie hob den Kopf, aber nur so weit, dass sie der Mahler bis zum Kinn schauen konnte.

„Hol dir selber was."

Ich hörte es bis zur Tür. Ein paar Frauen drehten die Köpfe. Eine, die ich seit Jahren kenne, zog ihren Becher so weit an den Körper, als müsste sie ihn vor einer Druckwelle schützen. So redete niemand mit der Mahler. In den sieben Jahren hatte ich gesehen, wie sie Frauen zum Weinen gebracht hat, ohne eine Hand zu heben — nur durch einen Ausdruck, den man keinem Menschen wünscht, und eine Stimme, die wie ein abgezogener Riemen klang.

Die Mahler beugte sich vor. „Du weißt offenbar nicht, mit wem du redest. Wenn ich das Tablett nehme, kriege ich es, und du kriegst einen blauen Fleck, den dir hier niemand kühlt. Deine Entscheidung."

Nadia legte das Brot sorgfältig auf den Tellerrand. Sie wischte sich die Finger an der Serviette ab. Die Serviette legte sie gefaltet neben das Tablett.

„Nein", sagte sie.

Die Mahler lachte nicht. Sie holte nicht einmal Luft dabei. Sie packte das Tablett mit beiden Händen und riss es weg. Der Teller kippte, der Becher fiel, der Eintopf klatschte auf den Boden. Ein Stück Brot schlitterte bis unter den Nebentisch. Überall rote Flecken auf grauem Linoleum.

Für einen Moment hörte man nur das leise Surren der Lüftung.

Dann sagte die Mahler in die Stille hinein, so laut, dass es jeder verstehen sollte: „Knie dich hin und wisch das auf." Sie machte eine Pause, und in dieser Pause hielt der ganze Saal den Atem an. „Mit der Zunge."

Nadia stand auf.

Sie tat es nicht schnell. Sie stemmte sich mit beiden Händen von der Bank hoch, als hätte sie alle Zeit der Welt. Ich machte zwei Schritte nach vorn, die rechte Hand am Funkgerät. Aber ich drückte noch nicht. Weil ich etwas in ihrem Gesicht sah, das mich abhielt. Es war keine Angst. Es war nicht einmal Wut.

Es war dieser Ausdruck, den Fallschirmspringer haben, kurz bevor sie aus dem Flugzeug treten.

Die Mahler holte aus.

Ihre Faust kam von rechts, ein Haken, der auf die Schläfe zielte. Nadia drehte den Kopf eine Handbreit. Der Schlag ging ins Leere. Die Mahler taumelte einen halben Schritt, fing sich, schlug wieder zu. Diesmal mit links. Nadia machte eine Bewegung, die ich von der eigenen Tochter kenne — dieses weiche Ausweichen, wenn Kinder Fangen spielen und plötzlich weg sind, ohne dass man sieht, wie sie es gemacht haben.

Dann griff sie an.

Nicht hart. Nicht wütend. Sie trat halb rechts an der Mahler vorbei, legte eine Hand an deren Handgelenk, die andere an den Ellenbogen — und drehte. Das Gelenk der Mahler knickte nach außen. Ihr ganzer Körper, hundertfünfzehn Kilo, folgte dem Arm, weil sie keine Wahl hatte. Sie knallte auf die Knie, kippte zur Seite, schlug mit der Schulter auf den Boden.

Ich löste die Hand vom Funkgerät, aber ich ging nicht dazwischen. Weil ich sah, dass es vorbei war, bevor ich hätte eingreifen können.

Die Mahler kam noch einmal hoch. Ihr Gesicht war rot, und ich konnte sehen, dass die Scham sie mehr quälte als der Sturz. Sie warf sich nach vorn wie jemand, der eine Tür eintreten will. Nadia blockierte mit dem Unterarm, setzte den Fuß hinter ihre Ferse, verlagerte ihr Gewicht. Die Mahler flog. Es sah aus wie eine Bewegung aus dem Sportunterricht, so selbstverständlich, dass es fast langweilig wirkte. Aber die Wirkung war ein Körper, der seitlich über den Fliesen schlitterte und gegen das Tischbein der Nachbarin krachte.

Niemand half ihr auf.

Nadia blieb stehen, wo sie stand. Atmete ruhig. Hielt die Hände locker. Sie hatte nicht geschrien, nicht gepöbelt, nicht einmal das Gesicht verzogen. Sie sah aus wie jemand, der gerade den Müll in den Schacht geworfen hat und jetzt zurück an den Schreibtisch geht.

Die Mahler stützte sich auf den Ellenbogen. Aus ihrer Nase tropfte Blut auf den Kragen. Sie sah zu ihr hoch. Und fragte, was in diesem Saal wohl jede einzelne Frau dachte: „Was bist du für eine?"

Nadia bückte sich, hob den umgekippten Becher auf, stellte ihn auf den Tisch.

„Jemand, den du nicht anfassen solltest", sagte sie.

Dann ging sie. Nicht hastig. Nicht in Richtung Tür, sondern zur Essensausgabe.

Ich weiß bis heute nicht, was sie dort sagte. Aber vier Minuten später saß sie wieder an ihrem Platz. Vor ihr stand ein neues Tablett. Frischer Eintopf, zwei Scheiben Brot, ein Becher Tee. Die Ausgabe hatte ihr ohne Diskussion nachgelegt — nicht, weil man sie fürchtete, sondern weil die Küchenfrau, eine ältere Kollegin aus Plauen, mir später erklärte: „Die hat gefragt, ob sie bitte noch einmal bekommen darf. So höflich, wie man es bei mir zu Hause nicht mal am Sonntag hört."

Nadia aß auf. In Ruhe.

Die Mahler hatte sich inzwischen in die hinterste Ecke des Saals gesetzt. Eine ihrer Frauen reichte ihr ein Papiertaschentuch. Eine andere holte einen Becher Wasser. Aber es war nicht mehr dieselbe Nähe. Sie saßen neben ihr wie Angestellte nach einer Kündigung.

Ich war es, die abends den Vorfall melden musste. Als ich am nächsten Morgen in den Dienstraum kam, lag auf meinem Platz ein Zettel der Anstaltsleitung: keine disziplinarischen Maßnahmen. Auf demselben Zettel standen zwei Zeilen über Nadia Berger, die ich nie vergessen habe. In der einen stand, dass sie im Zeugenschutzprogramm sitzt. In der anderen, dass ihr Prozess in zwei Monaten beginnt und sie gegen einen Mann aussagen wird, bei dem allein die Aufzeichnung seiner Telefonate drei Jahre Ermittlungsarbeit verschlungen hat.

Ich habe diesen Zettel viermal gelesen.

Am selben Nachmittag habe ich gesehen, wie die Mahler ihr Abendbrot bekam. Sie ging mit ihrem Tablett durch den Saal. An Nadias Tisch vorbei. Für einen halben Schritt wirkte sie, als wollte sie stehen bleiben, als müsse sie etwas sagen. Aber sie sagte nichts. Sie setzte sich an ihren Platz, zerteilte den Käse in kleine Stücke und aß, ohne den Kopf zu heben.

Nadia hat die zwei Monate durchgestanden. Keine Schlägereien, keine Drohungen, kein Aufstand. Zweimal, wenn ich nachts die Runde durch den Zellentrakt machte, habe ich durch die Luke gesehen, dass sie wach am Tisch saß und in ein kleines, abgegriffenes Notizbuch schrieb. Einmal hat sie aufgesehen, als mein Schritt vor ihrer Tür hängen blieb. Sie hat mit dem Kinn kurz genickt. Nicht gebeten, nicht gedankt. Nur das.

Ich bin nicht sicher, ob ich ihr je gesagt habe, dass ich das auch getan hätte.

Zwei Wochen nach ihrem Prozess war sie weg. Verlegt. Wohin, stand auf meiner Liste nicht, und selbst wenn es dort gestanden hätte, hätte ich es niemandem erzählt. Auf dem Tisch in ihrer Zelle lag das Notizbuch. Dreihundertzwölf Seiten. Auf der letzten Seite war ein Name mit Kugelschreiber mehrmals durchgestrichen. Der Mann, gegen den sie ausgesagt hatte. Siebenundzwanzig Jahre. Das hatte der Richter gesagt, und ich hatte es im Radio gehört, an einem Donnerstagmorgen im Stau auf der B173.

Die Mahler ist heute in einer anderen Anstalt. Sie hat letztes Jahr noch einmal Ärger bekommen, Essensentzug gegen eine Neuzugänge, keine zwei Wochen nach ihrer Verlegung. Ich weiß das von einer Kollegin aus Dresden, mit der ich vor zehn Jahren die Ausbildung gemacht habe.

Meine Schicht an jenem Dienstag endete übrigens pünktlich um vierzehn Uhr zweiundzwanzig. Ich saß noch zwanzig Minuten im Aufenthaltsraum und trank einen Instantkaffee, der nach Pappe schmeckte. Dann zog ich meine Schuhe an, fuhr nach Hause, und beim Abendessen sah ich die Nachrichten. Der Ton war leise gedreht. Unten lief die Zeile mit dem Prozess.

Ich habe Nadia Berger nie wiedergesehen. Den Zettel aus dem Dienstzimmer habe ich trotzdem behalten, in der untersten Schublade meines Spinds, unter der Ersatzuniform.

Das Tablett von damals, das verbeulte, mit dem Linseneintopf drauf, steht immer noch in der Abstellkammer hinter der Küche. Jemand hat es nie ausgetauscht, obwohl die Delle so tief ist, dass es beim Abstellen wackelt. Meine Oma aus Görlitz hätte dazu gesagt: Wer den Teller eines andern umwirft, muss nachher bücken.

Ich habe Nadia nie bücken sehen. Nicht an dem Tag, und auch später nicht, wenn ich abends im Zellentrakt an ihrer Tür vorbeiging und das Licht unter dem Spalt sah, während sie schrieb.

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