Titel: Drei Monate bis zum Umzug – und plötzlich steht Martina mit Kartons vor meinem Schlafzimmer

– Du setzt uns also wirklich vor die Tür?

Thomas stand mitten im Wohnzimmer. Seine Wangen waren rot vor Erregung, und seine Verlobte Martina weinte so laut, dass es durch die dünnen Wände der Altbauwohnung in Hannover bis ins Treppenhaus zu hören war. Ich hatte eine Tasse Kamillentee in der Hand, inzwischen kalt, und betrachtete die beiden. Auf meinem Sofa, gebraucht gekauft nach der Trennung von meiner Frau vor acht Jahren, saß Martina mit dem Ausdruck eines Kindes, dem man das Lieblingsspielzeug weggenommen hatte. Und ich fühlte mich wie ein Eindringling im eigenen Zuhause.

– Ich setze euch nicht vor die Tür – meine Stimme war ruhiger, als ich erwartet hatte. – Ich gebe euch drei Monate. Das war die Abmachung.

– Abmachung? – Martina wischte sich mit der Hand über die Nase. – Jetzt stellst du uns also Bedingungen? Nach allem, was wir für dich getan haben?

Bis heute frage ich mich, was das gewesen sein sollte. Vielleicht meinte sie, dass Thomas ab und zu den Müll hinuntergebracht hatte. Oder dass Martina einmal pro Woche Brötchen mitbrachte – von meinem Geld, versteht sich, weil sie ja schließlich „nur das Nötigste besorgte“.

Als ich den beiden vor anderthalb Jahren anbot, bei mir einzuziehen, schien es mir völlig logisch. Thomas und Martina wohnten in einer winzigen Einzimmerwohnung in Hannover-Linden, zahlten siebenhundertfünfzig Euro Kaltmiete und legten fast nichts zur Seite. Sie träumten von einer eigenen Eigentumswohnung, aber ohne Eigenkapital redete keine Bank mit ihnen.

– Papa, höchstens ein Jahr, vielleicht anderthalb, hatte Thomas beim Einzug versprochen. Wir beteiligen uns an den Kosten. Wir legen was weg und ziehen wieder aus.

Ich war Mitte fünfzig, alleinlebend seit der Scheidung. Meine drei Zimmer in der List waren zu groß für einen einzelnen Mann und vor allem zu still an den Abenden. Ich dachte, es würde mir guttun. Etwas Leben in der Wohnung, Stimmen, der Geruch von gekochtem Essen.

Die ersten Wochen waren tatsächlich angenehm. Martina kaufte einen Korb mit frischen Kräutern für die Küchenfensterbank, Thomas wechselte die Dichtung an der tropfenden Badarmatur. Sonntags kochten wir zusammen Spaghetti Bolognese – so, wie wir es früher gemacht hatten, als Thomas noch ein Kind war und seine Mutter gerade ausgezogen war.

Doch dann kamen die Kleinigkeiten.

– Weißt du, Helmut, die billige Margarine aus dem Discounter solltest du nicht mehr essen. Das ist alles Chemie, sagte Martina und inspizierte meinen Kühlschrank, als gehörte er ihr.

Bald hörte sie auf, mich zu fragen, und begann, Ansagen zu machen. „Helmut, stell das nicht dorthin. Helmut, geh morgens nicht in die Küche, ich habe Videokonferenzen. Helmut, der Fernseher ist wirklich laut, kannst du Kopfhörer benutzen?“

Zuerst gab ich nach. Junge Leute haben andere Gewohnheiten, redete ich mir ein. Ich räumte meine Sachen aus dem Bad in eine kleine Plastikbox unter das Waschbecken. Ich erledigte meine Einkäufe Montag früh um sieben, wenn Martina ihre Online-Meetings hatte. Abends zog ich mich in mein Schlafzimmer zurück und schaute Serien auf dem Laptop mit Kopfhörern – während die beiden im Wohnzimmer auf meinem Sofa saßen und über meine alte Stehlampe lachten.

Am schwersten wog, dass Thomas schwieg. Mein Sohn, den ich großgezogen hatte, mit dem ich nach der Trennung allein zurückgeblieben war. Wenn ich versuchte, mit ihm zu sprechen, winkte er ab.

– Papa, jetzt reg dich nicht künstlich auf. Martina ist gestresst von der Arbeit. Du musst sie einfach machen lassen.

Nach zehn Monaten hörten sie auf, sich an den Kosten zu beteiligen. Thomas verlor seine Provision im Außendienst, Martina sagte, ihre Firma zahle dieses Quartal weniger Boni. Ich verstand das. Wirklich, ich hatte selbst genug Jahre gehabt, in denen ich jeden Euro zweimal umdrehte. Aber ich sah auch Martinas neue Schuhe aus dem Onlineshop, die Päckchen mit Pflegeprodukten, das verlängerte Wochenende an der Ostsee und den Lieferservice, der mindestens dreimal pro Woche vor der Tür hielt.

Als ich nachfragte, wie viel sie inzwischen angespart hätten, funkelte Thomas mich an, als hätte ich ihn beleidigt.

– Ich will dir nicht auf die Finger schauen. Aber es war von einem Jahr die Rede.

– Na und? Willst du uns jetzt jede Ausgabe vorrechnen?

Der eigentliche Wendepunkt kam an einem Donnerstag im November. Ich kam früher vom Orthopäden zurück, weil der Termin schneller ging als erwartet. Die Tür zu meinem Schlafzimmer war geschlossen – ich schließe sie nie. Drinnen stand Martina und verstaute meine Kleider vom Bügel in einen Umzugskarton.

– Wir brauchen das große Zimmer. Thomas schläft schlecht auf der Couch.

– Aber du arbeitest doch meistens im Wohnzimmer. Der Moment, in dem ich das sagte, fühlte sich an wie das Zuziehen einer Schlinge.

– Der Raum hat besseres Licht. Für meine Termine.

Ich stand im Türrahmen, und da war dieser eine Augenblick, in dem ich beschloss, dass ich nicht weiter zurückstecken würde. Ich schrie nicht. Genau deshalb hörte sich mein eigener Satz so endgültig an.

– Ihr habt Zeit bis Ende Februar.

Thomas kam am Abend zu mir. Er erkundigte sich nicht, was passiert war. Er bezog sofort Position an Martinas Seite.

– Papa, du übertreibst. Sie wollte doch nur ein bisschen umgestalten.

– Genau deshalb wäre etwas Respekt angebracht.

Seit jenem Abend spricht mein Sohn kaum noch mit mir. Martina rief meine Schwester an und erzählte, ich sei herzlos und hätte die beiden „ins offene Messer laufen lassen“. Meine Schwester rief mich an und fragte vorsichtig, ob ich nicht noch ein wenig Geduld aufbringen könnte. Um des lieben Friedens willen.

Warum bedeutet der liebe Frieden eigentlich immer, dass ich derjenige bin, der zurückstecken muss?

Nachts liege ich manchmal wach und erinnere mich an Thomas, wie er als kleiner Junge zu mir ins Bett kroch, wenn er schlecht geträumt hatte. Dann schnürt es mir die Kehle zu. Doch am nächsten Morgen sehe ich wieder die Kartons vor mir, in die Martina meine Hemden stopfte. Und ich stehe auf, setze Teewasser auf und zähle die Tage bis Ende Februar an meinen Fingern ab.

Am Morgen des 24. Februar stand ich in der Küche und schrieb eine Liste. Nicht für den Einkauf. Sondern für mich selbst: Möbelfirma anrufen, Sperrmüll beantragen, Nachmieter suchen. Ich hatte begonnen, den Gedanken an ein anderes Leben zuzulassen. Ein Zwei-Zimmer-Apartment am Stadtrand. Ein Balkon für den Sommer. Weniger Fläche, aber auch weniger fremde Kartons.

Um Punkt neun hielt ein Transporter vor dem Haus. Zwei Männer von einem Umzugsunternehmen trugen Martinas Bücherkisten und Thomas’ Heimtrainer die Treppe hinunter. Ich stand am Fenster mit einer Tasse Kaffee und einem belegten Brot, das ich nicht angerührt hatte, und sah zu, wie mein Sohn die Tür des Transporters zuschlug. Er drehte sich nicht um.

Dann war Ruhe.

Ich räumte die Wohnung auf, Stück für Stück. Ich lüftete alle Zimmer, auch wenn es draußen kaum drei Grad hatte. Im Badezimmer entfernte ich die leere Zahnpastatube, die Martina auf dem Waschbeckenrand zurückgelassen hatte, und legte meine eigene Zahnbürste wieder auf die Ablage. Nicht in die Plastikbox.

Am Nachmittag klingelte mein Telefon. Thomas.

– Papa, wir haben die Kaution für die neue Wohnung unterschrieben. Aber wir brauchen noch den ersten Monatszuschuss. Könntest du uns die achthundert Euro überweisen? Bis zum Gehalt.

Ich stand im Wohnzimmer und betrachtete die kahle Wand, wo vorher Martinas gerahmtes Poster gehangen hatte. Der Dübel steckte noch.

– Nein, sagte ich.

– Wie, nein?

– Ihr habt die Kündigungsfrist bekommen. Drei Monate. Die sind vorbei.

– Du lässt uns jetzt wirklich hängen?

– Thomas, sagte ich, ich habe anderthalb Jahre lang gekocht, geputzt, geschwiegen und mein Schlafzimmer abgegeben. Ab heute bin ich wieder Mieter in meiner eigenen Wohnung.

Ich legte auf.

Am nächsten Morgen holte ich die Unterlagen vom Sperrmülltermin aus der Küchenschublade und rief die Möbelfirma an. Ich bestellte kein neues Sofa. Ich bestellte einen neuen Schlüssel für die Wohnungstür und ließ das Schloss austauschen. Der Schlosser kam noch am selben Tag. Ich bezahlte bar, einhundertvierzig Euro für ein Gefühl, das ich seit anderthalb Jahren nicht mehr kannte: Wenn abends jemand klingelt, entscheide ich, ob ich öffne.

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