Bis heute kann ich nicht sagen, was schlimmer war: die Sache mit Frank oder dass ich tagelang vor dem leeren Kühlschrank saß und nicht einmal mehr wusste, wie man sich ein Ei brät. Es war August in Freiburg, die Hitze stand zwischen den Apfelbäumen wie eine Wand, und ich schmiss Grasbüschel in die Regentonne. Einen nach dem anderen. Ganz ordentlich. Ich hätte nicht sagen können, wozu. Vielleicht wollte ich nur, dass irgendetwas anderes auch verdirbt.
Dabei hatte alles so solide angefangen. Solide und langsam, so wie bei mir immer. Zehn Jahre in der Verwaltung des Uniklinikums, Sachgebiet Drittmittel. Eine ruhige Wohnung in Zähringen, Balkon nach Süden, Fahrrad im Keller. Und seit vierzehn Jahren Frank. Frank, der nie der Schnellste war, aber immer der Zuverlässigste. Der mir Tee ans Bett brachte, wenn ich Migräne hatte, und der auf Familienfesten meiner Mutter die Teller abräumte, ohne dass man ihn bitten musste.
Franks Jugendfreundin hieß Miriam. Die beiden kannten sich vom Gymnasium, irgendwo bei Kassel, und als sie vor zwei Jahren vor meiner Tür stand, hatte ich sie seit zwanzig Jahren nicht gesehen. Sie war dünn geworden, viel zu dünn, und ihre Hände zitterten, als sie den Riemen ihrer Reisetasche umklammerte. Ihre Tochter, sagte sie, sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ihr Mann habe danach angefangen zu trinken, sie geschlagen, am Ende sei sie mit nichts raus. Die Geschwister hätten ihr die Tür vor der Nase zugezogen. Ob sie ein paar Tage bleiben könne.
Ich hörte mich „natürlich“ sagen, bevor ich überhaupt nachgedacht hatte. So war ich immer. Frank zögerte, er ahnte etwas, aber er sagte nichts. Er kannte mich gut genug.
Drei Monate später arbeitete Miriam in der Buchhaltung einer Spedition im Industriegebiet Nord, die ich über eine ehemalige Kollegin besorgt hatte. Sie schnitt sich die Haare, kaufte sich helle Blusen, ging donnerstags zum Yoga. Beim Abendessen saß sie da, als hätte sie nie woanders gesessen. Sie lachte über Franks Witze, die nicht lustig waren. Sie merkte sich, wie er seinen Filterkaffee mochte: dreieinhalb Löffel für einen Liter, nie mehr, nie weniger.
Ulli, mit der ich seit Jahren jeden Dienstag in der Kantine saß, war die Einzige, die mir reinen Wein einschenkte. „Deine Bewunderin hat aber einen ganz schön gierigen Blick“, sagte sie. „Was will die eigentlich? Und was macht dein Frank, wenn sie ihm so zulächelt?“
Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und lachte. „Frank? Der kann kaum den Unterschied zwischen einem Kontoauszug und einem Liebesbrief erkennen. Außerdem kennt er Miriam so lange wie mich. Die ist für ihn wie eine Cousine, die man mit durchfüttert.“
Ich habe den Satz noch im Ohr. Wie ich ihn sage. Wie selbstverständlich er klingt.
Dann kam der Abend, an dem alles in einer einzigen Minute auseinanderfiel. Ich hatte den Papierkram für die Pflege von Frau Brenner erledigt, der alten Dame aus dem Nachbarhaus, und kam erst nach neun. In der Küche brannte die Arbeitsplattenlampe, aber am Herd stand niemand. Frank saß am Esstisch, die Hände flach vor sich auf der Platte. Miriam stand am Fenster. Sie sah mich nicht an, auch nicht, als ich hereinkam. Nur Frank sagte: „Marion, setz dich mal.“
Es folgte ein Satz, den ich erst für einen Witz hielt. „Miriam ist schwanger. Von mir.“ Er sagte es leise, als würde Lautstärke den Inhalt erträglicher machen.
Ich lachte. Tatsächlich. Ich stand in meiner eigenen Küche und lachte, weil ich dachte, jetzt kommt die Auflösung, das ist zu absurd. Aber Miriam drehte sich um, legte eine Hand auf ihren Bauch und sagte: „Dreieinhalb Monate.“ Sie hatte diesen Ausdruck im Gesicht, den ich von Frank kannte, wenn er einen Vertrag unterzeichnete: alles genau geprüft, nichts zu riskieren.
Ich hörte mich fragen: „Seit wann?“ Als ob das wichtig wäre. „Seit dem Betriebsausflug im April“, sagte Frank. Er sprach zum ersten Mal wieder, aber ich kannte die Stimme nicht. „Es ist einfach passiert. Das mit uns. Ich habe so lange gewartet, aber jetzt wollte ich ehrlich sein.“ Ehrlich. Das Wort blieb in der Luft hängen wie der Geruch von kaltem Fett, der sich in die Gardinen setzt.
Ich sagte: „Ihr müsst raus.“ Ich weiß noch, dass ich ganz ruhig blieb, als hätte ich einen Antrag abzulehnen. „Das Haus gehört mir“, sagte Frank. Er hatte es vor unserer Ehe gekauft, mit dem Erbe seines Vaters, einem kleinen Doppelhaus in Herdern. Mein Name stand nirgends. Nie schien das wichtig. Bis jetzt.
Miriam nahm ihren Mantel vom Haken. Im Vorbeigehen blieb sie neben mir stehen. „Du hast immer gedacht, du wärst die Großzügige“, sagte sie leise. „Dabei hast du nur nie gemerkt, wann jemand genug bekommt.“ Dann fiel die Tür ins Schloss.
Ich blieb drei Tage. Dann packte ich zwei Koffer und fuhr zu Omas altem Gartenhaus draußen in Opfingen. Das Einzige, was mir blieb. Meine Oma hatte es mir überschrieben, das Papier lag seit Jahren in einer Zigarrenkiste. Frank hatte nie Interesse an dem Grundstück gehabt. Oder vielleicht hatte er es vergessen. Wer interessiert sich schon für ein Haus ohne Zentralheizung, wenn er gerade ein Leben gegen ein neues eintauscht.
Dort also saß ich. Apfelbäume, eine morsche Bank, drei Regentonnen. Die Sonne brannte, aber ich fror. Ich trank Leitungswasser direkt aus dem Hahn und aß nichts. Einkaufen kam mir vor wie ein Hohn: ein Einkaufswagen für eine Person, eine Paprika, ein Stück Käse, das man allein nicht aufisst.
Am siebten Tag stand plötzlich ein Mann im Garten. Er hatte graue Haare, eine Haltung wie ein Gardemarsch, und er sah mir beim Gras-in-die-Tonne-Werfen zu. Ich hatte ihn nicht kommen hören.
„Entschuldigen Sie“, sagte er, „aber das ist die dritte Tonne. Bei der ersten habe ich gedacht, Sie setzen Brennnesseljauche an. Aber so langsam mache ich mir Sorgen um Ihr Wasser.“
Ich hörte mich antworten, ich machte Dünger. Er legte den Kopf schief. „Sie werfen Gras ins Regenwasser und nennen das Dünger?“
Später erfuhr ich, dass er Heinrich hieß, Oberstleutnant a. D., vor zwei Monaten aus Heidelberg zugezogen, Haus nebenan. Aber in diesem Moment wusste ich nur, dass er redete und redete, und dann hörte er auf, und dann wurde mein Kopf leicht, und ich merkte, wie meine Knie nachgaben.
Heinrich fing mich auf. Er brachte mich ins Haus, setzte mich auf das Sofa meiner Oma, und noch heute sehe ich ihn in meiner winzigen Küche stehen, die Hände in die Hüften gestemmt, den Kühlschrank offen. Der Innenraum war leer bis auf eine angebrochene Tube Senf. Er schaltete den alten Herd an, holte etwas aus seinem Rucksack, das Suppengrün, das noch vom Markt im Kofferraum lag. Drei Karotten, ein Stück Sellerie, eine Zwiebel.
Ich wollte ablehnen. Aber er schnitt die Zwiebel, als würde er ein Kommando ausführen, und stellte mir einen Teller hin. „Suppe“, sagte er. „Kein Dünger, keine Diskussion. Essen Sie.“
Und ich aß. Das Lächerliche daran: Es war die beste Suppe meines Lebens. Nicht weil sie besonders raffiniert war. Sondern weil irgendwer sie für mich gekocht hatte. Die erste warme Mahlzeit seit zehn Tagen. Ich löffelte und merkte, dass ich weinte, idiotisch, mit vollem Mund. Heinrich tat nichts, er räumte nur den Topf.
In den Wochen darauf brachte er mir den Unterschied zwischen Regenwasser und Gießwasser bei, stellte mir seine Heckenschere vor, erzählte von seiner verstorbenen Frau. Er war kein Aufschneider. Meistens hörte er einfach zu, wenn ich erzählte. Nach und nach kam die Geschichte aus mir heraus. Dass ich mein Leben für ein Vorzeigeprojekt gehalten hatte. Dass ich nie wieder einer Freundin ein Glas Wasser geben wollte, nicht einmal einer verdurstenden. Heinrich schwieg. Dann sagte er nur: „Das Wasser war ja auch nicht das Problem.“ Mehr nicht. Der Satz arbeitete lange in mir.
Das Entscheidende geschah im Oktober. Frank rief an, elf Mal, und hinterließ Nachrichten. Ich erkannte seine Nummer sofort. Ich hörte die erste ab. „Marion, ich muss mit dir reden. Es tut mir leid, wie das gelaufen ist. Es ist viel passiert.“ Ich drückte auf Löschen. Dann legte ich das Handy in die Küchenschublade und schloss sie. Ich weiß nicht, warum gerade die Küchenschublade. Vielleicht, weil dort die alte Zigarrenkiste mit Omas Unterlagen lag.
Ich holte die Kiste heraus. Ganz unten lag der Grundbuchauszug, ein Notarvertrag von 1987, die Zusage, dass der Pachtgarten neben dem Haus mir gehörte, wenn ich auf Omas Kosten die Hecke schneiden ließ. Ein Witz, dachte ich. So hieß es in dem Vertrag: „gegen Übernahme der Heckenschnittkosten“. Ich lachte, bis mir die Tränen kamen. Frank wusste nichts davon. Er wusste nicht, dass man mit einer Hecke ein ganzes Grundstück bekommt.
Anfang November traf ich Frank zufällig in der Stadt. Er stand vor der Bäckerei, das Baby im Tragetuch, Miriam daneben. Er sah müde aus, älter, kleiner. Ich ging vorbei, so nah, dass er mich sehen musste. Er öffnete den Mund, aber ich war schon weiter, und es fühlte sich an wie ein einziger langer Atemzug, den ich zum ersten Mal seit zwei Jahren zu Ende atmen konnte.
Heute sind Heinrich und ich verheiratet. Wir haben die Zäune zwischen unseren Grundstücken abgerissen, einen Apfelbaum gepflanzt, im Sommer stehen zwei Liegestühle dort, wo früher meine Regentonnen standen. Heinrich nennt mich „die Frau mit dem Dünger“, wenn er uns bei Nachbarn vorstellt.
Was aus Frank und Miriam geworden ist, weiß ich nur in groben Zügen. Frank hat sich mit einem Energieberater selbstständig gemacht, die Firma lief zunächst gut. Dann kam der Preisschock, die Kunden blieben aus, die Raten für das Doppelhaus liefen weiter. Miriam habe er geheiratet, heißt es, aber die beiden stritten viel. Er schrieb mir noch einmal, kurz vor Weihnachten. Sechs Zeilen. „Ich wollte dich nie verletzen. Können wir reden?“ Ich schrieb ihm nicht zurück. Stattdessen kaufte ich im Supermarkt eine Tüte Mehl, ein Päckchen Hefe, ein Kilo Äpfel. Und ich buk einen Apfelkuchen. Den ersten seit fast zwanzig Jahren.
Heinrich probierte ihn, schob sich die Gabel in den Mund und schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Bist du sicher, dass du den Kuchen mit Düngerwasser gebacken hast?“
Wir mussten beide lachen. Und während wir lachten, dachte ich: Das hier, dieses Lachen, das gehört mir. Nicht der Frau, die einmal großzügig war. Nicht der Frau, die betrogen wurde. Sondern der Frau, die ihre Tonne mit Absicht ausgeleert und neu gefüllt hat.
In der Nacht bin ich noch einmal aufgestanden. Ich nahm die Zigarrenkiste, blätterte den Pachtvertrag durch, strich über Omas Unterschrift. Dann legte ich den Zettel ganz nach unten, wo er immer gelegen hatte. Eigentlich wollte ich ihn verbrennen. Aber ich tat es nicht. Ich ließ ihn da. Als Beweis, dass ich etwas besitze, das niemand von mir verlangt hat. Und als ich das Licht ausmachte, roch es nach kaltem Apfelkuchen und Regen, und ich schlief zum ersten Mal seit Monaten durch.
