Fünfundzwanzig Jahre lang war Hannelore Brenninkmeyer so etwas wie das Gesicht des deutschen Feiertagsfernsehens. Jeder kannte sie aus "Familie Dornbusch", dieser Vorabendserie, die zwischen 1998 und 2006 auf einem der großen Privatsender lief und die halbe Nation vor den Fernseher holte. Sie spielte die Tochter Marlene, unbeschwert, frech, immer mit diesem Lächeln, das Werbekunden liebten. Nach dem Ende der Serie heiratete sie den Eishockeyprofi Jonas Ahlgrim, bekam zwei Kinder, schrieb drei Ratgeberbücher zum Thema Familie und Alltag, die sich erstaunlich gut verkauften. Und dann, mit Anfang vierzig, der zweite Frühling: Sie wurde zum Gesicht des Senders "Festtag TV", einem kleinen, aber wachsenden Kabelkanal aus Köln, der sich auf Weihnachtsfilme spezialisiert hatte. Über neun Jahre stand sie vor der Kamera, mal als Bäckerin, die sich in den Winzer aus dem Nachbardorf verliebt, mal als Anwältin, die zu Weihnachten ihre Heimatstadt Freiburg wiederentdeckt. Ihr Gesicht war auf jedem zweiten Programmheft.
2022 dann der Wechsel. Sie verließ "Festtag TV" und ging zu einem kleineren, konservativ ausgerichteten Konkurrenzsender namens "Herzfilm", wo sie nicht nur weiter vor der Kamera stand, sondern auch als kreative Leiterin für den gesamten Weihnachtsfilmkatalog verantwortlich wurde. Verträge, Drehbücher, Besetzung – plötzlich saß sie am anderen Ende des Tisches.
Das Café Kranzler an der Kölner Ringstraße, ein Dienstagnachmittag im November, kurz vor drei. Der Journalist der Süddeutschen hatte sein Aufnahmegerät zwischen die Kaffeetassen gelegt, ein billiges Ding mit blinkendem rotem Punkt, und Hannelore hatte die ganze Zeit auf diesen Punkt gestarrt, während sie über Einschaltquoten sprachen, über die neue Produktion mit dem Bäcker aus Rothenburg, über Budgets von viereinhalb Millionen Euro für die Staffel. Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei, ein metallisches Quietschen, das durch die Fensterscheibe drang. Dann die Frage, beiläufig, fast am Ende des Gesprächs gestellt, während der Journalist schon seinen Block zuklappte: ob "Herzfilm" in Zukunft auch gleichgeschlechtliche Paare in seinen Weihnachtsfilmen zeigen würde.
Sie nahm den Löffel, drehte ihn zweimal durch den Milchkaffee, obwohl sie schon längst umgerührt hatte. Der Journalist wartete, den Stift wieder in der Hand.
"Ich glaube", sagte sie, und legte den Löffel auf die Untertasse, "bei Herzfilm wird die traditionelle Ehe immer im Mittelpunkt stehen."
Der Journalist schrieb es auf, ohne aufzublicken. Sie bestellte noch einen Espresso, bezahlte am Tresen 3,80 Euro, fuhr mit dem Taxi zurück ins Büro und dachte an dem Abend kein zweites Mal daran.
Um 7:14 Uhr am nächsten Morgen surrte ihr Handy auf dem Nachttisch, drei Nachrichten hintereinander von ihrer Managerin. Sie tippte den Bildschirm frei, noch im Bett, und sah zuerst nur Zahlen: 4.200 Retweets, dann 9.800, dann eine Zahl, die sie gar nicht mehr richtig las. Eine bekannte Moderatorin des Jugendkanals hatte den Satz auf Instagram gepostet, dazu ein einzelnes Wort in Großbuchstaben: BESCHÄMEND. Hannelore stand auf, ging in die Küche, füllte Wasser in den Kessel, stellte ihn wieder ab, ohne ihn anzuschalten. Ihr Mann Jonas kam herunter, sah ihr Gesicht, fragte nicht, was los sei, sondern nahm ihr das Handy aus der Hand und legte es umgedreht auf die Anrichte.
Es half nichts. Um neun rief ein Schauspielkollege an, mit dem sie vor Jahren zusammengearbeitet hatte, sprach eine Minute lang, sehr sachlich, von einer "gefährlichen Botschaft an queere Jugendliche", legte auf, ohne sich zu verabschieden. Um halb zehn ein offener Brief der Vorsitzenden eines LSBTQ-Verbands, den ihr jemand per Mail weiterleitete, mit der Betreffzeile "Bitte lesen, bevor Presse anruft". Um zehn die Boulevardblätter, ihr Name direkt neben den Wörtern "Ausgrenzung" und "Rückschritt", auf Titelseiten, die ihr die Assistentin am Kiosk kaufte und stumm auf den Küchentisch legte.
Am unangenehmsten war der Anruf von Konrad Ruttmann, dem Geschäftsführer von "Herzfilm", um kurz nach elf. Er sagte nicht viel, sprach von "Abstimmungsbedarf mit der Rechtsabteilung" und davon, dass die Pressestelle "etwas Kurzes rausgeben" werde. Zwei Stunden später stand es online: Frau Brenninkmeyer habe in diesem Interview nicht für das Unternehmen gesprochen, über künftige Stoffe werde projektbezogen entschieden. Kein Wort der Verteidigung. Sie las die Mitteilung dreimal, dann legte sie das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch und ließ es dort zwei Tage liegen.
Am zweiten Tag schrieb sie ihr eigenes Statement, saß dafür am Küchentisch, drei Entwürfe im Notizprogramm, löschte den ersten, weil er zu trotzig klang, den zweiten, weil er zu weinerlich klang. Am Ende blieb ein Satz übrig, den sie tatsächlich veröffentlichte: Sie liebe alle Menschen von Herzen, Teile des Interviews seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Den Satz über die traditionelle Ehe nahm sie nicht zurück. Kein einziges Wort davon.
Im Januar kam ein brauner Umschlag mit einer Drehbuchmappe auf ihren Schreibtisch, abgegeben von der Assistentin mit dem Kommentar, das sei "die Sache aus Leipzig, die schon zweimal nachgefragt hat". Die Regisseurin hieß Farina Wöllner, jung, bisher zwei Kurzfilme, ein Drehbuch über eine Konditorin in der Adventszeit, die sich in ihre langjährige Geschäftspartnerin verliebt – ein Nebenstrang, drei Szenen von neunzig Seiten, kein Kuss vor der letzten Einstellung.
Hannelore las es am Nachmittag, allein im Büro, die Tür geschlossen, ein Bleistift in der Hand, mit dem sie am Rand Anmerkungen machte, wie sie es bei jedem Skript tat. Bei Seite vierzig hörte sie auf zu schreiben. Sie legte den Bleistift neben die Mappe, stand auf, ging zum Fenster, sah auf den Parkplatz hinunter, auf ihr eigenes Auto, einen zwei Jahre alten Passat Kombi, den sie sich von der letzten Gage gekauft hatte. Sie blieb dort stehen, bis der Kaffee auf ihrem Schreibtisch kalt wurde.
Dann setzte sie sich wieder, nahm das Diktiergerät für die kurzen Mails an die Redaktionsassistenz, drückte auf Aufnahme, drückte wieder aus. Schließlich schrieb sie es selbst, mit der Hand, drei Zeilen auf einen gelben Notizzettel, den sie der Assistentin gab: "Aus Kapazitätsgründen für diese Staffel leider nicht möglich. Bitte höflich absagen, kein Gespräch nötig." Sie unterschrieb nicht mit ihrem Namen, nur mit einem Kürzel, H.B., wie unter jedem anderen internen Vermerk.
Farina Wöllner erzählte anderthalb Jahre später in einem Radiointerview von der knappen E-Mail ohne Begründung, ohne Gespräch. Sie nannte keine Namen. Sie musste es nicht.
"Herzfilm" fuhr sein Programm trotzdem weiter aus, kündigte für die Saison 2023 drei zusätzliche Produktionen an, und Hannelore blieb das bekannteste Gesicht des Senders. Ein Teil der Zuschauerinnen, vor allem die treue Stammklientel über fünfzig, hielt ihr die Treue, schrieb ihr aufmunternde Nachrichten unter jeden Instagram-Post. Andere schalteten konsequent um, sobald ihr Name im Vorspann auftauchte, und posteten Boykottaufrufe mit dem Hashtag ihres Nachnamens.
Im Dezember 2023 moderierte sie die Premierengala im Kölner Gürzenich, in einem dunkelroten Kleid, stand eine knappe Stunde am Empfang, gab Interviews für den Sender, wich Fragen zur Sache mit derselben Formel aus: Sie liebe alle Menschen, das Thema sei durch, man solle sich auf die Filme konzentrieren. Auf dem Rückweg im Taxi rechnete sie im Kopf die Zahl der Fototermine durch, die noch anstanden, und sagte kein Wort mehr.
Konrad Ruttmann rief sie im April 2024 an einem gewöhnlichen Dienstagvormittag an, sprach von "der internen Neuausrichtung der kreativen Leitung" und davon, dass ihr Vertrag in dieser Funktion "nicht in der bisherigen Form verlängert" werde. Das Gespräch dauerte vier Minuten. Sie legte auf, blieb am Küchentisch sitzen, den leeren Kaffeebecher zwischen den Händen, drehte ihn einmal um die eigene Achse, stellte ihn dann in die Spülmaschine.
Sie blieb dem Sender als Schauspielerin erhalten, drehte noch zwei Filme im Jahr. Die Drehbuchmappe von Farina Wöllner wurde anderthalb Jahre später bei einem anderen Sender produziert, von einer anderen kreativen Leitung, die ohne Rückfrage unterschrieb.
