Ein Streifen Tesafilm entschied über vierundzwanzig Millionen
Ich mache diesen Job seit elf Jahren. Zwangsverwalterin beim Amtsgericht Köln. Die Leute denken immer, das sei ein Schreibtischberuf. Akten, Stempel, Kaffee aus dem Automaten. Aber an diesem Morgen stand ich auf einem nassen Parkplatz in Deutz, und vor mir brannte ein Porsche.
Es hatte den ganzen Vormittag geregnet, so ein feiner Novemberregen, der einem unter die Jacke kriecht. Ich war um kurz nach acht losgefahren, weil ich einen Termin in der Pax-Bank hatte. Unterlagen für ein Insolvenzverfahren, das sich seit Monaten hinzog. Der Aktenordner stand auf dem Beifahrersitz, der Deckel an der Kante mit einem Streifen Tesafilm geflickt, weil die Pappe schon beim letzten Umzug ins neue Büro gerissen war. Ich hatte die Heizung aufgedreht, weil der Wagen morgens immer nach kaltem Kunststoff roch.
Ich war gerade auf den Parkplatz vor dem Bürogebäude eingebogen, als ich den Aufprall hörte. Nicht laut. Eher so ein dumpfer Schlag, als würde jemand mit der flachen Hand auf eine Matratze hauen. Dann eine Frauenstimme, schrill wie eine kaputte Klingel.
„Können Sie nicht aufpassen, Sie Idiot?!“
Der Porsche stand quer in der Ausfahrt. Dunkelgrün, ein Panamera, mit einer dünnen Rauchfahne unter der Haube, die aus dem Kühlergrill kroch, als sei da schon länger etwas undicht. Davor saß eine Frau auf dem Asphalt. Grauer Arbeitskittel, Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen. Sie rappelte sich auf und wischte sich die Knie ab, als hätte sie den ganzen Tag nichts anderes zu tun.
Ich stellte den Motor ab und blieb sitzen. Der Scheibenwischer machte noch zwei unnütze Bewegungen, dann war er still.
Die Frau im Porsche kurbelte das Fenster herunter. Teurer Mantel, blonde Hochsteckfrisur. Sie beugte sich hinaus und schrie: „Wissen Sie überhaupt, was so ein Kotflügel kostet? Machen Sie, dass Sie wegkommen, Sie Putzfrau!“
Die Frau im Kittel antwortete nicht. Sie zog einen Ausweis aus der Brusttasche. Laminierte Karte an einem roten Band. Ich kannte diese Karten. Ich trage selbst eine.
Dann ging sie um den Wagen herum zur Fahrertür und klopfte an die Scheibe.
Ich war in diesem Moment mehr damit beschäftigt, den Aktenordner vom Beifahrersitz zu nehmen, weil der geflickte Deckel im Regen aufzuweichen drohte. Aber dann hörte ich die Worte, und danach konnte ich nicht mehr wegsehen.
„Ich bin nicht hier für den Kotflügel, Frau Brenner. Ich bin hier, um die Beschlagnahme Ihres Firmenvermögens zuzustellen. Vierundzwanzig Millionen Euro. Die Vollkaskoversicherung dieses Fahrzeugs wurde vor sieben Minuten von der Bank annulliert.“
Ich zog die Handbremse an und nahm die Brille ab. Die Gläser waren angelaufen.
Der Vorname der Frau im Kittel war Saskia. Das las ich später im Protokoll. Saskia Mahler, dreiundvierzig, eingetragene Insolvenzverwalterin im Verfahren gegen die Brenner Bauimmobilien GmbH. Ich selbst war als Zwangsverwalterin für die drei betroffenen Grundstücke bestellt, sobald das Insolvenzgericht die Zwangsversteigerung anordnen würde — deshalb hatte ich zwei Tage zuvor die Akte vom Gericht geholt. Saskia war für die Firma zuständig, ich für die Immobilien. An diesem Morgen liefen unsere Wege zusammen.
Die Frau im Porsche hieß Cornelia Brenner, Ehefrau von Robert Brenner, Geschäftsführer der Brenner Bauimmobilien GmbH. Drei Wohnprojekte in Mülheim und Kalk, Subunternehmer nicht bezahlt, Vorauszahlungen kassiert für Eigentumswohnungen, die nie gebaut wurden. Vierundzwanzig Millionen Euro an Forderungen standen in der Akte.
Ich kannte den Fall. Jeder im Haus kannte den Fall.
Aber das hier war der Moment, in dem ich die Gegenseite leibhaftig vor mir hatte.
Cornelia Brenner riss die Tür auf. Ihre Pumps versanken im Matsch der Parkplatzrinne. Der Regen lief ihr über die Schultern, aber sie schien ihn nicht zu bemerken.
„Das ist ja wohl ein Witz“, sagte sie. „Mein Mann hat die besten Anwälte von ganz Nordrhein-Westfalen. Und Sie kommen mir hier mit so einem lächerlichen Zettel?“
Sie griff in ihre Handtasche, zog ein Bündel Geldscheine heraus, Fünfhunderter, und schleuderte sie der Verwalterin vor die Füße. Die Scheine landeten halb im Rinnstein und fingen sofort an, das Regenwasser aufzusaugen.
„Da. Kaufen Sie sich was Anständiges zum Anziehen. Und jetzt runter von meinem Parkplatz.“
Saskia sah auf die Scheine hinunter. Dann hob sie das Bündel auf, mit zwei Fingern, als würde sie ein totes Tier vom Weg nehmen. Sie hielt es der Frau entgegen.
„Sie haben gerade eine Amtsperson im Dienst angefahren und versuchen, sie zu bestechen“, sagte sie. „Das sind zwei Straftaten. Ich würde vorschlagen, Sie steigen jetzt aus und warten mit mir auf die Polizei.“
Ich sollte aussteigen. Als Zeugin. Aber ich blieb in meinem Wagen sitzen, die Hand am Türgriff, und sah zu.
Ein paar Leute sammelten sich unter dem Vordach des Bürogebäudes. Einer von ihnen hielt sein Handy hoch. Ich hörte ihn sagen: „Das ist die Frau von dem Makler, der die Leute in Kalk abgezogen hat.“ Dann fuhr er sich mit der flachen Hand über den Mund und trat einen Schritt zurück, als der Porsche aufheulte.
Cornelia Brenner hatte wieder hinter dem Steuer Platz genommen. Der Motor jaulte auf, unter der Haube fauchte etwas, das nicht nach normalem Leerlauf klang, eher nach einem Riemen, der durchdrehte. Die Rücklichter flammten rot. Sie wollte zurücksetzen, weg vom Ausgang, raus aus der Falle.
Aber der Wagen machte einen Satz nach vorn. Sie hatte im falschen Gang beschleunigt, und der Motor, der schon die ganze Fahrt über nach verbranntem Öl gerochen haben musste — später fand die Feuerwehr eine gerissene Kraftstoffleitung am Turbolader, alt, korrodiert, offenbar nie gewartet — bekam durch den plötzlichen Drehzahlanstieg genug Hitze und Sauerstoff, um das ausgetretene Benzin zu entzünden.
Der schwarze Grill kam der Verwalterin bis auf einen halben Meter nahe. Saskia ging nicht aus dem Weg.
Dann der Knall.
Die Flammen schossen aus dem Spalt zwischen Motorhaube und Kotflügel, als hätten sie nur auf diesen einen Fehler gewartet. Ein dreckiges Orangerot, das ich seit jenem Tag an Hauswänden sehe, wenn ich die Augen schließe.
Cornelia Brenner schrie. Sie hämmerte gegen die Tür, die immer noch einen Spalt offen stand. Der Rauch wurde dicker, schwarzer, als wollte er sein eigenes Feuer ersticken.
Saskia stand jetzt nicht mehr still. Sie war drei Schritte zur Seite getreten. Dann nahm sie ihr Telefon und wählte die 112.
Ich weiß nicht, warum ich dann doch ausgestiegen bin. Vielleicht, weil ich gesehen habe, dass die Frau im Auto es nicht alleine schaffte. Vielleicht, weil ich selbst seit Jahren mit einem Feuerlöscher im Kofferraum fahre, den ich nie benutzen musste.
Ich zog den kleinen silbernen Stift unter dem Beifahrersitz hervor, riss die Plombe ab und zielte auf den Fußraum der Fahrertür. Das Pulver legte sich über den Schweller wie der erste Schnee, der nie in Köln liegen bleibt. Drei Sekunden. Mehr hatte der Löscher nicht.
Es reichte nicht, um den Wagen zu retten. Es reichte, damit Cornelia Brenner die Tür aufstoßen konnte.
Sie fiel mehr heraus, als dass sie stieg. Ihr Rock hatte ein Loch, an der rechten Schulter war der Mantel angesengt. Ich packte sie am Arm und zog sie weg, hinter die Mauer des Fahrradständers. Dort blieb sie auf den Knien sitzen, die Hände flach auf dem Beton, während hinter ihr das Feuer die Kühlerhaube aufbog.
Saskia kam zu uns herüber, das Telefon noch am Ohr. Sie kniete sich neben Cornelia Brenner, tastete ihren Arm nach Verbrennungen ab, ruhig, als würde sie eine Akte auf Vollständigkeit prüfen.
Wir hörten die Sirenen, aber sie klangen wie durch eine Wand.
Die Polizei brauchte neun Minuten. Die Feuerwehr zwölf. Bis dahin brannte der Wagen vollständig aus. Am Ende stand ein Gerüst auf dem Parkplatz, schwarz und tropfend wie ein Fisch, der zu lange an Land gelegen hat. Die Scheiben waren geplatzt. Im Innenraum lagen Glasscherben und die verbrannten Reste der Fünfhunderter.
Ich gab meine Personalien an. Zeugin. Ich musste den Satz dreimal wiederholen.
Als die Sanitäter die Frau im grünen Mantel in die Rettungsdecke wickelten, sagte Saskia leise zu mir: „Brenner GmbH wird heute Nachmittag abgewickelt. Die Banken haben die Darlehen gekündigt, das Firmengrundstück in Ossendorf wird morgen zwangsversteigert. Ihr Mann sitzt seit sechs Uhr dreißig am Flughafen in einem Wartezimmer der Bundespolizei, weil er versucht hat, mit dem Rucksack seiner Tochter einzuchecken.“
Ich fragte, woher sie das wisse. Sie zeigte mir ihr Telefon. Eine Nachricht von ihrem eigenen Referendar, der seit dem frühen Morgen mit der Kripo in Kontakt stand, weil er die Ausreisesperre gegen Robert Brenner mit vorbereitet hatte. Kein Rätsel also, nur ein Kollege, der schneller tippte, als ich fragen konnte.
Ich habe an diesem Tag erst um vierzehn Uhr meine Jacke ausgezogen. Da bemerkte ich, dass meine Brille noch immer auf dem Beifahrersitz lag. Ich hatte den ganzen Morgen ohne sie gesehen.
Als ich am Abend die Spesenabrechnung schrieb, trug ich als Grund für die Fahrt vom Gericht zur Pax-Bank das Aktenzeichen des Brenner-Verfahrens ein. Zwanzig Minuten später schickte mir meine Vorgesetzte eine kurze Mail.
Und?
Ich antwortete nur: „Mussten Sie schon einmal mit ansehen, wie ein Auto in Flammen aufgeht?“
Sie schickte keinen Smiley zurück.
Am Mittwoch der nächsten Woche lag auf meinem Schreibtisch die Akte zur Verteilung der Restkaufpreise aus der Versteigerung der Brenner-Immobilien. Ich sollte nur noch den Namensstempel nehmen und das Protokoll unterzeichnen — als bestellte Zwangsverwalterin der Grundstücke war das Verteilungsverfahren jetzt bei mir, während Saskia mit der Restmasse der GmbH beschäftigt war. Zwei Verfahren, zwei Zuständigkeiten, ein gemeinsamer Ursprung auf einem Parkplatz in Deutz.
Ich schlug den alten Ordner auf, um die letzten Zahlen gegenzuprüfen, und der geflickte Deckel löste sich diesmal ganz vom Rücken. Der Tesafilm war brüchig geworden, vom Regen jenes Morgens vermutlich, und als ich ihn abzog, um einen neuen Streifen anzubringen, klebte darunter ein zweites, dünneres Blatt am Deckel fest, das ich beim ersten Abheften übersehen hatte: die Kopie eines Kontoauszugs, den jemand aus der Kanzlei versehentlich mit eingeheftet und dann vergessen hatte. Eine Umbuchung von zwei Millionen Euro, drei Tage vor der Insolvenzanmeldung, von der Firma auf ein privates Konto der Eheleute Brenner. Genau die Summe, die in der offiziellen Vermögensaufstellung fehlte.
Ich rief Saskia an. Innerhalb einer Stunde ging der Beleg an die Kripo, die ihn für das Ermittlungsverfahren gegen Robert Brenner brauchte. Die Nachforderung erhöhte die Verteilungsmasse noch am selben Tag, und aus den ursprünglich veranschlagten 23,4 Prozent Befriedigungsquote wurden am Ende 26,1 Prozent für alle Gläubiger.
Ich habe die Kappe meines Füllers abgeschraubt, den alten blauen Füllhalter, den ich seit der mündlichen Prüfung habe, und mit der Hand die Summe darunter geschrieben: Eine Million sechshundertdreiundzwanzigtausend Euro. Genau die Summe, die die Eigentümer zweier Mehrfamilienhäuser in Kalk wiederbekommen.
Ich habe den Stempel gesetzt. Der Klick war amtlich, die Tinte roch noch feucht, als ich das Protokoll zur Seite legte. Den brüchigen Streifen Tesafilm habe ich zusammengerollt und in den Papierkorb neben dem Schreibtisch geworfen, dann einen neuen aus der Schublade genommen und den Deckel damit wieder festgeklebt, sauber, glatt, für die nächste Akte, die auf diesem Ordner landen würde.
