Ich habe zehn Jahre in der Wäscherei der Justizvollzugsanstalt Leipzig gearbeitet. Jeden Morgen um halb sieben öffne ich das Tor zum Wäschehof, und jeden Morgen steht sie schon da – Frau Hartwig, vierundsiebzig, grauer Dutt, die Schultern so gerade, als hätte ihr das Leben nie etwas anderes erlaubt.
Sie sitzt seit vier Monaten. Keiner von uns hat je erfahren, wofür genau. Rechnungsbetrug, hieß es. Sie redet nicht darüber, und ich frage nicht. Meine Schicht beginnt, ich schließe auf, sie nickt, ich nicke. Mehr war da nie.
Frau Hartwig wäscht von Hand. Nicht, weil sie muss – wir haben Industriemaschinen, zwei Reihen Miele, Baujahr achtundneunzig, die schaffen hundertzwanzig Kilo pro Stunde. Aber sie hat darum gebeten. Der Anstaltsleiter war froh, ihr einen Posten geben zu können, den keine der Jüngeren will. Also schrubbt sie jeden Tag Bettwäsche in großen Plastikbottichen, und die Lauge tropft ihr auf die Schuhe, und sie beschwert sich kein einziges Mal.
Ich sehe sie vom Fenster der Ausgabe aus. Ich sehe alles von dort.
Die schwierigste Insassin im offenen Vollzug ist eine Frau namens Sandra Kropf. Achtunddreißig, wegen schwerer Körperverletzung hier, zwei Disziplinarverfahren, eine davon gegen die Küchenleitung. Sie hat den halben Trakt unter Kontrolle. Die Aufseher sagen nichts, solange niemand blutet. Sandra lässt sich Bettwäsche bringen, Kosmetik, Zigaretten. Wer sich weigert, hat drei Tage lang Angst, an der Essensausgabe vorbeizugehen.
Dienstag, der Tag mit der Lieferung. Es hatte nachts gefroren, der Hof war glatt, die Wannen standen schon bereit, und Frau Hartwig zog Handschuhe über, die ihr die Schwesternstation geliehen hatte. Als ich den Zeitschriftenwagen durch den Gang schob, hörte ich es klatschen.
Sandra hatte einen Bündel Fleckenwäsche vor den Bottich geworfen. Feinwäsche, das Erbrochene einer ganzen Nacht, verdreht und nass.
„Wasch mit“, sagte sie.
Frau Hartwig hielt die Bürste über dem Wasser. „Ich schaffe meine eigene Ladung bis elf. Das musst du selbst machen.“
Der Hof wurde still. Ich blieb mit dem Wagen stehen, die Hand auf einem Stapel TV-Programmheften. Sandra stand einen Moment reglos da, als hätte jemand einen Eimer über sie gekippt. Dann holte sie aus und drückte den Kopf der alten Frau mit beiden Händen unter Wasser.
Es war keine halbe Sekunde. Frau Hartwig wehrte sich, die Handschuhe glitten ihr von den Fingern, einer schwamm obenauf wie eine tote weiße Maus. Sandra hielt sie fest. Niemand bewegte sich. Die Aufseherin an der Pforte telefonierte.
Ich weiß noch, dass ich dachte: Gleich schreit jemand. Aber es schrie niemand. Nur das Spritzen, Frau Hartwigs Atem, als sie hochkam, und das Rinnen der Seifenlauge aus ihrem Haar über die Wangen, die nach unten schauten, auf die nassen Schuhe.
Sandra ließ sie los. Sie wartete. Der ganze Hof wartete.
Und dann passierte das, weshalb ich diese Zeilen schreibe. Vielleicht waren es zwanzig Sekunden. Frau Hartwig stand auf, Wasser tropfte von ihrem Kinn. Sie wischte sich über das Gesicht, zog den zweiten Handschuh ab, wrang ihn aus wie einen Lappen. Dann nahm sie das Bündel, das Sandra vor sie geworfen hatte, und legte es in den Bottich. Sie tauchte es unter. Sie begann, die feine Wäsche zu waschen, Stück für Stück, als wäre nichts geschehen.
Sandra stand noch zwei Minuten daneben, und ich habe noch nie jemanden gesehen, dem so sehr die Worte ausgingen. Dann drehte sie sich um, ging zum Zaun und rauchte eine Zigarette, die ihr jemand wortlos hinhielt.
Um elf, sage ich Ihnen, war die Wäsche fertig. Aufgehängt in drei Reihen, die Wunderkerzen leuchteten nicht, aber die Laken waren sauber. Frau Hartwig trug die Wannen weg, die Pappe mit dem Pflegemittel zurück in den Schrank. Dann setzte sie sich auf die Bank und aß einen Apfel, den sie in sechzehn Schnitze teilte.
Vier Schnitze behielt sie. Als Sandra zur Mittagszeit in den Trakt ging, lag der Rest auf dem Plastikdeckel des leeren Bottichs. Ich habe gesehen, dass Sandra ihn aufhob, die grünen Schnitze, und dass sie sie in ihre Jackentasche steckte, bis sie am Abend weich waren.
So bleibt das in meiner Erinnerung: nicht die Wut, die jeder erwartet hatte. Sondern diese zwei Minuten, in denen eine vierundsiebzigjährige Betrügerin klatschnass vor ihrer Peinigerin stand und weiterwusch.
Am Ende meiner Schicht, kurz nach drei, kam Frau Hartwig noch einmal zu mir an die Ausgabe. Ich drückte ihr das Zeitschriftenpaket in die Hand, das jemand vergessen hatte. „Es ist seifig geworden“, sagte sie und gab mir eines der Hefte zurück. Auf dem Umschlag war ein Abdruck ihres Daumens, vom Wasser ganz glatt. „Macht nichts“, sagte ich.
Sie steckte die anderen ein und ging, die Arbeitshandschuhe der Schwesternstation baumelten an einem Band um ihr Handgelenk.
Ich habe den Umschlag behalten, bis die Schichtleitung die Kameraaufnahmen anforderte. Dann habe ich ihn in den Müll geworfen. Aber der Abdruck war noch da, auf dem Deckblatt der Fernsehzeitschrift, verwaschen und braun wie Tee.
Die disziplinarische Meldung gegen Sandra Kropf ging noch am selben Tag raus. Nicht von mir. Von der Pforte, die telefoniert hatte. Sandra kam in Einzelhaft, drei Wochen, und danach in die Wäscherei, an die Maschinen. Die Aufseher sagten, sie hätte sich erkundigt, wie man so ein Leintuch ordentlich zusammenlegt, ohne dass die Kanten hängen.
Frau Hartwig unterrichtete sie nicht. Aber sie saß auf der Bank, bis Sandra es konnte. Zweiundvierzig Bettdecken an einem Nachmittag. Ich habe aus der Ausgabe zugesehen, bis der Hof im Dunkeln lag und nur noch der Rauch über dem Zaun hing, wie er immer abends über Leipzig hängt, wenn die Züge vom Hauptbahnhof kommen.
