Ich fahre seit vierzehn Jahren Paketwagen für einen Kurierdienst in Regensburg, und man glaubt gar nicht, was man in fremden Wohnküchen alles mitbekommt, wenn man dreimal pro Woche an derselben Tür klingelt. Die Lieferung an Familie Brandtner war so ein fester Termin – donnerstags, kurz vor eins, meistens Blumenerde oder Verpackungskartons für den kleinen Onlineshop, den die junge Frau nebenbei betrieb. Sie hieß Katharina, alle nannten sie Kathi, und sie hatte diese Art, einem beim Unterschreiben auf dem Scanner noch schnell einen Kaffee anzubieten, obwohl sie selbst kaum Zeit hatte.
An jenem Donnerstag im März war die Wohnungstür nur angelehnt, weil ihr Mann gerade Werkzeug aus dem Auto holte, und ich hörte die Stimmen schon im Treppenhaus. Eine ältere Frau, sehr bestimmt, fast wie eine Lehrerin, die eine Klasse zur Ordnung ruft. Ich wollte eigentlich nur das Paket abgeben und weiter zur nächsten Adresse, aber der Mann – Bernd, glaube ich, hieß er – winkte mich noch kurz rein, weil er unterschreiben musste, und so stand ich zwei Minuten im Flur der Brandtners und konnte gar nicht anders, als mitzuhören.
„Gib die Kette deiner Nichte, Sandra kann die auf dem Abiball tragen, du hast doch sowieso keine Gelegenheit dafür", sagte die Ältere gerade, und ich sah durch den Türspalt, wie sie in der Küche am Tisch saß, kerzengerade, mit einer Handtasche auf dem Schoß, als würde sie gleich zum Bus müssen. Die Schwiegermutter, das war klar. Sie hatte diesen Ton, den manche Kundinnen auch mir gegenüber am Telefon aufsetzen, wenn eine Lieferung fünf Minuten später kommt als angekündigt.
Kathi stand am Herd, ein Nudelsieb in der Hand, und ich sah, wie sich ihre Schultern versteiften. Um ihren Hals lag eine schwere Goldkette, dickes Glied an Glied, so eine altmodische Panzerkette, wie sie mein eigener Großvater früher getragen hat. Nicht das dünne Modeschmuckzeug, das man heute überall sieht – das war etwas, das Gewicht hatte, im wörtlichen Sinn.
„Marlies, das ist die Kette von meiner Oma", sagte Kathi leise, aber fest.
„Eben. Und deine Oma würde wollen, dass sie einer jungen Frau steht, die noch was aus ihrem Leben macht. Du stehst doch den ganzen Tag in diesem Blumenladen zwischen Torfsäcken, wer sieht das da schon. Sandra fängt im September Medizin an, sie braucht was Standesgemäßes."
Ich muss zugeben, ich habe mich gefragt, ob ich jetzt lieber gehen sollte – so was geht einen ja eigentlich nichts an. Aber Bernd unterschrieb gerade so langsam, als würde er die Zeit absichtlich strecken, den Kopf über den Scanner gebeugt, als wäre das Display das Interessanteste im ganzen Haus. Ich kannte den Typ. Mein eigener Schwager macht das genauso, wenn seine Mutter loslegt.
Kathi drehte sich zu ihrer Schwiegermutter um, und ihre Stimme war jetzt ganz ruhig – zu ruhig, fand ich, so ruhig, wie meine Frau wird, kurz bevor sie eine Entscheidung trifft, die sie schon lange im Kopf hat.
„Weißt du was, Marlies", sagte sie, „du hast recht. Ich trage die eigentlich nie irgendwo, wo es zählt."
Die Frau am Tisch lächelte zufrieden und öffnete tatsächlich schon ihre Handtasche, holte ein kleines Samtetui heraus – sie hatte es vorbereitet mitgebracht, das fand ich fast dreister als alles andere. Ich stand noch im Flur, das Paket unter dem Arm, und wartete eigentlich nur darauf, dass Bernd endlich fertig unterschrieb, aber ich konnte den Blick nicht abwenden.
Aus dem Wohnzimmer kam in diesem Moment ein Hund getrottet, ein struppiger Promenadenmischling mit einem Ohr, das komisch abstand – vom Tierheim, hatte Kathi mir mal beim Blumeneinkauf erzählt, ein Fundtier von der Autobahnraststätte bei Straubing. Er hieß Rudi und setzte sich, wie es Hunde tun, wenn Besuch da ist, mit hoffnungsvollem Blick genau neben Kathis Stuhl.
Sie bückte sich, löste den Verschluss der Kette an ihrem Nacken, und ich dachte tatsächlich einen Moment, sie würde sie wirklich abgeben. Stattdessen legte sie sie dem Hund um, über sein abgewetztes Stoffhalsband, und machte den Verschluss zu.
„So, Rudi", sagte sie, „jetzt bist du standesgemäß. Du gehst schließlich jeden Nachmittag auf den Hundeplatz an der Nibelungenbrücke, da triffst du bestimmt bessere Leute als ich im Blumenladen."
Die Küche wurde so still, dass ich den Kühlschrank summen hörte. Die Schwiegermutter saß da mit dem leeren Samtetui in der Hand, der Mund leicht offen, und wurde erst weiß, dann fleckig rot am Hals. Bernd, der Ehemann, drehte sich zu spät weg, aber ich sah noch, wie seine Schultern zu zucken anfingen. Der Hund fand die ganze Sache offenbar großartig und klopfte mit dem Schwanz gegen die Tischbeine, dass die Kette leise klimperte.
„Du bist… das ist… unmöglich!", presste die Alte schließlich hervor, stand ruckartig auf, sodass der Stuhl über den Fliesenboden kratzte, und das Etui fiel ihr aus der Hand. Sie schnappte sich ihre Tasche und stakste an mir vorbei zur Wohnungstür, in ihren Pumps, die auf dem Parkett klapperten wie Kastagnetten. Von der Treppe rief sie noch etwas zurück, das ich nicht mehr genau verstand, weil ich zurück zum Auto musste – die nächste Lieferung wartete, und mein Zeitfenster war ohnehin schon eng.
Ich habe die Brandtners danach noch monatelang jeden Donnerstag beliefert. Irgendwann, im Sommer, stand Kathi wieder an der Tür, die Kette wie immer um den Hals, diesmal ohne Hund in der Nähe, dafür mit einem Ordner unter dem Arm – Unterlagen für den Notar, sagte sie beiläufig, während sie unterschrieb, sie und Bernd würden die kleine Ladenwohnung über dem Blumengeschäft jetzt endlich auf ihren eigenen Namen umschreiben lassen, statt sie weiter über die Familie laufen zu lassen. Sechzehntausend Euro habe sie dafür beiseitegelegt, erzählte sie mir, halb zu sich selbst, während sie den Stift zurückgab. Die Schwiegermutter habe sich seit dem Vorfall mit der Kette nicht mehr gemeldet, und das, sagte Kathi und zuckte kurz mit den Schultern, sei für alle Beteiligten die bequemste Lösung.
Ich hab nur genickt, den Scanner eingesteckt und bin zum Wagen zurück. Manche Geschichten bekommt man eben nur in Bruchstücken mit, an der Tür, zwischen zwei Lieferungen – und man fragt besser nicht weiter nach.
