Zwischen Kaffeetür und Krankenhausflur

Ich putze seit elf Jahren im Café gegenüber vom Marienstift in Trier, und die Frau aus Wohnung vierzehn habe ich gekannt, bevor sie überhaupt wusste, dass ich mich erinnere. Sie kam jeden Morgen um halb acht rein, bestellte einen kleinen Milchkaffee, nie mehr, setzte sich an den Tisch am Fenster und starrte auf die Straßenbahnschienen, als würde gleich etwas passieren. Nichts passierte. Das war ja gerade das Ding.

Sie heißt Brigitte Wenzel, das weiß ich, weil sie einmal ihre EC-Karte auf der Theke liegen ließ und ich sie ihr hinterhergetragen habe. Dreiundfünfzig war sie damals, sagte sie mir später, so nebenbei, als sie ihren Geburtstag erwähnte, weil ich fragte, warum sie an einem Dienstag so früh schon da sitzt statt zur Arbeit zu gehen. „Ich bin jetzt in Rente gegangen, vorzeitig, wegen Mutter", sagte sie. Mehr nicht.

Ihre Mutter, das erfuhr ich stückweise, über Monate, wohnt bei ihr in der kleinen Wohnung über der Bäckerei Krämer, zwei Straßen weiter. Die alte Frau ist zweiundachtzig, hat schlechte Hüften, braucht jemanden, der die Einkäufe trägt und nachts hört, wenn im Bad was klappert. Brigitte hat sich das aufgeladen, ganz allein, ohne dass jemand sie fragte, ob sie das noch tragen kann.

Ich servierte ihr an einem Novembermorgen die Tasse, und sie sagte, ohne dass ich irgendwas gefragt hatte: „Letzte Woche wurde ich sechsundfünfzig." Ich gratulierte, wie man das eben macht, und sie winkte ab, fast beleidigt über sich selbst, dass sie es überhaupt erwähnt hatte. „Mutter hat mir Tee gemacht, mit den Butterkeksen aus der blauen Dose. Hat 'Herzlichen Glückwunsch, mein Kind' gesagt. Das war's."

Kein Kuchen, keine Kerzen, keine Karte von irgendwem. Ich weiß, wie das klingt für eine Frau ihres Alters — aber sie erzählte es nicht traurig. Eher so, als würde sie eine Inventur machen.

Sie hatte mal Freundinnen, das kam auch heraus, tröpfchenweise, über Wochen, während draußen der Nieselregen gegen die Scheibe schlug und die Nummer 6 der Straßenbahn vorbeirumpelte. Da war eine Karin, seit der Realschule befreundet, jetzt in Stuttgart bei der Tochter. Und eine Sabine, mit der sie zwanzig Jahre lang in der Buchhaltung bei einer Spedition in Koblenz gesessen hatte, inzwischen zum zweiten Mal verheiratet, Enkelkinder, eigenes Leben. „Wir telefonieren noch. Weihnachten. Geburtstage. Aber das ist nicht mehr Freundschaft. Das ist Höflichkeit", sagte Brigitte einmal, während sie ihre Tasse in beiden Händen drehte, als wolle sie die letzte Wärme rausquetschen.

Einen Mann hatte sie, kurz, in jungen Jahren. Ist schnell auseinandergegangen, mehr erzählte sie nicht, und ich habe nicht gefragt. Kinder keine. „Früher tat das weh", sagte sie einmal. „Jetzt weniger. Oder ich hab mich einfach an die Leere gewöhnt, die abends kommt, wenn der Fernseher ausgeht."

Was mich an ihr festhielt — sie jammerte nie richtig. Sie rechnete nur laut, fast beiläufig, während sie ihre Rechnung zahlte: dass die Renten klein sind, dass Gemüse auf dem Wochenmarkt am Viehmarktplatz günstiger ist als im Supermarkt, dass sie und ihre Mutter beim Sozialkaufhaus in der Fleischstraße einkaufen und sich längst nicht mehr dafür schämen. „Warm angezogen und ordentlich — das geht auch so", sagte sie mal zu mir, fast trotzig.

An einem Samstagmorgen — ich hatte an dem Tag Frühschicht und wollte eigentlich pünktlich raus, weil mein Sohn zum Fußball musste — kam sie mit ihrer Mutter rein. Die Alte, klein, gebeugt, hielt sich am Arm ihrer Tochter fest, ging aber selbst, Schritt für Schritt, bis zum Tisch am Fenster. Ich brachte den Milchkaffee und für die Mutter einen Tee, und Brigitte sagte zu mir, während die Alte aus dem Fenster schaute: „Das ist meine größte Freude. Dass sie noch selbst geht." Dann, leiser: „Solange ich sie höre, morgens in der Küche, in den Pantoffeln — solange ist das noch ein Zuhause. Ohne sie wären das nur Wände."

Ich hab an dem Tag nicht viel gesagt. Ich hatte Kaffeetassen zu tragen und die Zeit lief mir davon. Aber ich hab mir gemerkt, wie die beiden Frauen da saßen, die eine mit dem Nähzeug, das sie aus der Handtasche zog, sobald der Tee kalt genug war, die andere still daneben, und wie zwischen ihnen eine Stille war, die nicht bedrückend wirkte. Eher wie eine Decke, die beide schon lange kennen.

Manchmal kam auch die Nachbarin dazu, eine Frau namens Ute mit ihrem Mann, aus dem gleichen Haus. Dann saßen zu viert am kleinen Tisch, tranken Kaffee, redeten über den Bäcker, der zumacht, über die neue Ampel an der Kreuzung, über wer wohin verreist ist. Nichts Besonderes. Aber wenn sie gingen, sah Brigitte immer ein bisschen aufgerichteter aus.

Im Januar diesen Jahres wurde die Mutter krank, richtig krank, ein Sturz im Bad, Oberschenkelhalsbruch, Einweisung ins Marienstift direkt über der Straße. Ich sah Brigitte danach jeden Tag, manchmal zweimal, sie kam vor der Visite und nach der Visite, immer mit dem gleichen grauen Wollmantel, immer mit der gleichen Tasche, in der sie Kompressionsstrümpfe und ein Nachthemd für die Mutter trug. Sie setzte sich nie lange hin. Trank ihren Kaffee im Stehen an der Theke, weil die Zeit knapp war zwischen den Besuchszeiten.

An einem dieser Nachmittage — ich hatte gerade Feierabend, wollte eigentlich schon meinen Mantel anziehen — kam sie rein, blass, die Hände zitterten leicht, als sie ihr Portemonnaie öffnete. Der Arzt hatte ihr gesagt, die Reha würde teuer, ein Eigenanteil von über zweitausend Euro, den die Kasse nicht übernimmt, weil die Mutter schon zu lange in ambulanter Pflege gemeldet war und die Pflegestufe neu beantragt werden musste. Brigitte stand da, rechnete im Kopf, das sah man ihr an, und ich stellte ihr den Kaffee einfach so hin, ohne sie zahlen zu lassen. Sie hat nichts gesagt. Nur genickt und mir das Geld trotzdem auf die Theke gelegt, weil sie so eine Frau ist.

Was dann kam, hab ich nicht direkt gesehen, sondern erst später von ihr gehört, an einem der folgenden Abende, als sie nach der Visite noch kurz blieb, weil die Mutter schlief und sie nicht gleich nach Hause wollte. Sie hatte an dem Vormittag im Bürgeramt und bei der Pflegekasse gesessen, mit einem Ordner unter dem Arm, in dem alle Unterlagen ihrer Mutter waren — Rentenbescheid, Grundbuchauszug für die kleine Eigentumswohnung, die Vollmacht. Ihre Mutter hatte ihr vor Jahren, als es ihr noch gut ging, eine Vorsorgevollmacht ausgestellt, aber nie genutzt, weil man solche Dinge eben aufschiebt. Jetzt, im Krankenhausbett, unterschrieb die alte Frau mit zittriger Hand die Bankvollmacht, die Brigitte erlauben würde, das Sparbuch und das Konto zu verwalten, ohne bei jeder Überweisung erst den Betreuer vom Amtsgericht abwarten zu müssen.

Brigitte erzählte mir das alles ruhig, ohne Drama, während sie ihre Tasse festhielt. Sie sagte, sie habe die Reha jetzt selbst organisiert, mit einer Klinik in der Eifel, die einen freien Platz hatte, und den Eigenanteil aus dem, was sie beide über die Jahre zurückgelegt hatten, vorgestreckt. Kein großer Auftritt, keine Tränen im Café. Nur eine Frau, die einen Ordner zuklappte und sagte: „So. Das wäre geregelt."

Ich hab sie seitdem noch oft gesehen. Die Mutter kommt inzwischen wieder, langsamer als vorher, mit einem Rollator, den Brigitte ihr besorgt hat, gebraucht, aber gut in Schuss, vom Sanitätshaus in der Innenstadt. Sie setzen sich immer noch an den Tisch am Fenster. Der Milchkaffee, der Tee, die blaue Keksdose bleibt jetzt öfter zu Hause, weil der Arzt gesagt hat, weniger Zucker.

Letzten Dienstag saß Brigitte wieder da, allein, weil die Mutter beim Friseur war, den eine andere Nachbarin sie begleitet hatte. Sie sagte zu mir, während ich den Tisch abwischte: „Weißt du, ich hab mal gedacht, ich hätte mein Leben irgendwo vergeudet. Diese Jahre." Sie schaute nicht mich an, sondern auf die Straßenbahnschienen draußen. „Aber das hier — das ist auch ein Leben. Nicht das, von dem ich mal geträumt hab. Aber eins, das mir gehört."

Ich hab nichts geantwortet darauf. Ich hatte den Tisch fertig gewischt und musste zur nächsten Bestellung. Aber ich hab mir gemerkt, wie sie den Ordner mit den Papieren ihrer Mutter in die Tasche steckte, bevor sie ging, fest zugeschnallt, so wie man etwas verstaut, das einem wirklich gehört.

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