Der Steuerberater von der Ecke Sedanstraße

Ich sitze seit dreizehn Jahren im Café Lindwurm, direkt gegenüber vom Steuerbüro Brenner & Hollweg in der Sedanstraße, Freiburg. Zwei Stunden am Nachmittag, immer der gleiche Tisch am Fenster, weil ich dort mit meinem schlechten Knie am besten sitzen kann. Man sieht mit der Zeit mehr, als einem lieb ist. Wer zu spät kommt, wer nie eine Rechnung bezahlt, wessen Auto neu ist und wessen Ehe es nicht mehr lange machen wird. Das erkennt man an Kleinigkeiten – daran, wie zwei Leute nebeneinander aus einem Auto steigen und keinen Blick füreinander übrighaben.

Ich kannte Renate Vogler, bevor ich wusste, dass sie Renate Vogler heißt. Erst war sie für mich nur „die Frau, die morgens um sieben mit dem Ordner unterm Arm zur Werkstatt läuft". Die Werkstatt, das war Vogler Karosserie & Lack, kaum hundert Meter die Straße runter, eine dieser Firmen, die man erst wahrnimmt, wenn man selbst mal einen Unfallschaden hat. Ihr Mann Dietmar führte den Betrieb, offiziell jedenfalls. Renate machte seit fast zwanzig Jahren die komplette Buchhaltung – Lohnabrechnungen, Umsatzsteuervoranmeldungen, den ganzen Papierkram mit dem Finanzamt und der Handwerkskammer. Unbezahlt. Ich weiß das, weil sie einmal, an einem Regentag im November, bei mir am Nebentisch saß, weil der Stammtisch besetzt war, und mit dem Steuerberater telefonierte, der ihr sagte, sie solle sich endlich anstellen lassen. „Das machen wir familienintern", sagte sie ins Telefon, fast entschuldigend, als müsste sie sich für etwas rechtfertigen, das gar nicht ihre Schuld war.

Zwanzig Jahre. Ich habe in der Zeit drei Steuerberater kommen und gehen sehen, zwei Renovierungen im Café miterlebt und meine eigene Frau beerdigt. Und Renate lief jeden Morgen mit diesem Ordner die Straße runter, im Winter mit Handschuhen, die am Zeigefinger durchgewetzt waren vom vielen Blättern.

Was dann passierte, hörte ich in Bruchstücken, wie man das eben mitbekommt, wenn man am Fenster sitzt und die Ohren offen hält. Dietmar hatte eine neue Frau – eine Kundin, die ihren BMW zur Lackierung gebracht hatte und offenbar mit einem Werkstattbesitzer nach Hause ging. Renate erfuhr es an einem Dienstag, das weiß ich noch, weil sie an dem Tag zum ersten Mal nicht ins Café kam. Erst drei Wochen später sah ich sie wieder, und sie sah aus wie jemand, der zu wenig schläft und zu viel Kaffee trinkt.

Die Werkstatt lief offiziell nur auf Dietmars Namen. Renate hatte nie eine Anstellung gehabt, keine Rentenpunkte gesammelt, nichts. Dazu kam der Kredit, den beide gemeinsam bei der Sparkasse für die neue Lackierkabine aufgenommen hatten – siebzigtausend Euro. Die Kabine blieb in der Werkstatt, bei Dietmar. Die monatlichen Raten blieben, wie es der Zufall so will, auf ihrem Konto hängen, weil Dietmars Zahlungen plötzlich unregelmäßig wurden.

Ich habe sie nie danach gefragt, wie es ihr ging. Das steht mir nicht zu, ich bin nur der Mann mit dem Milchkaffee am Fenstertisch. Aber ich habe gesehen, wie sie über Monate dünner wurde und wie ihr Ordner irgendwann verschwand – sie ging nicht mehr zur Werkstatt.

Stattdessen sah ich sie mit einem anderen Ordner. Grün diesmal, nicht der alte graue. Sie kam öfter ins Café, setzte sich mit Unterlagen an den Tisch neben der Heizung, und einmal, als die Kellnerin Frau Demirci ihr den Kaffee brachte, fragte sie beiläufig, was das für Papiere seien. „Ich mache eine Weiterbildung", sagte Renate. „Steuerfachangestellte, berufsbegleitend." Sie sagte es leise, fast wie eine Entschuldigung, so wie man früher „familienintern" gesagt hatte.

Frau Demirci erzählte mir später, eine Nachbarin von Renate habe ihr die Ohren vollgeredet – eine gewisse Karin, die in der gleichen Straße wohnt und meinte, Renate solle sich endlich selbstständig machen, sie könne mehr als die halbe Innenstadt an Steuerberatern zusammen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber irgendjemand hat ihr wohl den Anstoß gegeben, denn ab dem Frühjahr sah ich sie kaum noch, und wenn, dann mit Aktenordnern, Formularen von der Arbeitsagentur, einmal sogar mit einem Prospekt der IHK Südlicher Oberrhein.

Im Herbst – ich glaube, es war Ende September, weil die Kastanien vor dem Café schon runterfielen und ich mir wieder die Knieheizung ins Café-Kellerabteil holen ließ – kam sie herein, setzte sich nicht ans Fenster, sondern direkt an die Theke, und bestellte zur Feier des Tages einen Sekt. Um halb drei nachmittags. Frau Demirci schaute mich fragend an, aber Renate erzählte es dann laut genug, dass es auch bei mir ankam: Sie hatte gerade den Mietvertrag für ein eigenes Büro unterschrieben. In der Habsburgerstraße, keine drei Straßen von der Werkstatt entfernt.

Ich hörte, wie die Vermieterin – eine ältere Dame, die die Wohnungen im Haus über der leerstehenden Ladenfläche vermietet – ihr die Miete gesenkt hatte, einfach so, nachdem sie Renates Geschichte gehört hatte. Manche Menschen haben eben noch ein Gespür dafür, wem man unter die Arme greift.

Was mich an dem Tag am meisten beeindruckte, war nicht der Sekt und nicht die Nachricht selbst. Es war, wie Renate dasaß: gerade, mit beiden Händen um das Glas, und wie sie, als ihr Handy klingelte, kurz draufschaute, den Anruf wegdrückte und weitersprach, ohne einen Satz zu verlieren. Später erfuhr ich von Frau Demirci, dass der Anruf von Dietmar kam. Er hatte offenbar von der Sache mit dem Büro gehört und wollte wissen, ob es stimmt, dass sie „genau um die Ecke" aufmacht.

Ende Oktober zog draußen an der leeren Schaufensterscheibe schräg gegenüber ein neues Schild ein. Weiß, mit dunkelblauer Schrift: „Renate Vogler – Steuerberatung und Buchhaltung". Ich saß an meinem Tisch, als der Schildermonteur es aufhängte, und sah, wie eine junge Frau – ich nehme an, ihre Tochter – auf der Straße stand und ein Foto davon machte, die Hand vor dem Mund.

Zwei Wochen später kam Dietmar tatsächlich vorbei. Nicht ins Büro – nur die Straße entlang, auf dem Weg zur Werkstatt, wie er es wohl jeden Morgen tut. Ich sah ihn durchs Fenster, wie er vor dem neuen Schild kurz stehen blieb, die Hände in den Jackentaschen, und dann weiterging, ohne reinzuschauen.

Renate saß an diesem Morgen bei mir im Café, weil ihr eigener Kaffeeautomat noch nicht geliefert war. Sie hat ihn nicht gesehen, glaube ich, oder hat so getan. Sie blätterte in einem Ordner mit den ersten Rechnungen ihrer neuen Mandanten – ein Restaurant aus der Altstadt, ein kleiner Handwerksbetrieb, eine Physiotherapiepraxis. Am Rand einer Rechnung stand mit rotem Stift eine Zahl notiert: 1.850 Euro, das erste Honorar, das je auf ihren eigenen Namen ausgestellt war, nicht auf Dietmars Firma.

Sie hat mir das nie direkt erzählt. Ich habe es nur gesehen, als sie den Ordner zuklappte und ihn in die Tasche packte, bevor sie zur Bank ging, um das Geld einzuzahlen. Auf ihr eigenes Geschäftskonto. Kein Wort dazu, kein großer Auftritt. Nur eine Frau, die ihren Kaffee austrank, bezahlte, und dann rüber in ihr eigenes Büro ging, an dessen Fenster inzwischen die Jalousie hing, die sie sich extra bestellt hatte, weil man von der Werkstatt aus sonst direkt reinschauen konnte.

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