Ich heiße Jonas, bin zweiunddreißig, und ich wohne in einem möblierten Zwölf-Quadratmeter-Zimmer in Leipzig-Connewitz, zweiter Stock, die Heizung klappert seit November. Meine Mutter, Ingrid, siebenundfünfzig, hat vor sechs Monaten das Grundstück meiner Großeltern bei Torgau verkauft und den Erlös durch drei geteilt: meine Schwester Franziska, meine Schwester Luise und mich. Jeder von uns bekam vierunddreißigtausend Euro, am selben Tag überwiesen, mit dem gleichen Verwendungszweck: "Grundstück – dein Anteil". Ich weiß, wie das aussieht von außen. Ein Sohn, der zwei Monate schweigt und dann um genau die Summe bittet, die er schon einmal bekommen hat. Klingt nach einem, der sein Geld verzockt hat und jetzt die Hand aufhält. Ich will erklären, wie es von innen aussah.
Das Grundstück kannte ich vor allem aus Bildern in Mamas Fotoalbum. Mein Opa hatte dort in den Achtzigern eine Datsche gebaut, mit einer Veranda aus unbehandeltem Fichtenholz, die im Regen immer nach Pilzen roch. Oma zog Stachelbeeren, jeden Sommer, bis mein Opa vor fünf Jahren starb und sie nicht mehr hinfuhr. Ich war als Kind ein paarmal dort, weiß noch die Mücken und dass es kein Netz gab, kein Telefonsignal, nichts. Als Oma im Januar im Schlaf starb, war das Grundstück schon halb von Brombeeren überwuchert, das Dach der Datsche eingesackt. Niemand von uns dreien wollte es behalten. Meine Tante in Lyon verzichtete gleich auf ihren Anteil am Erbe insgesamt, sie sagte, für sie sei das nur noch Papierkram. Also verkaufte Mama, hundertzweitausend Euro, ein fairer Preis für ein Grundstück ohne Erschließung, nur über einen Feldweg erreichbar.
Ich habe das Geld nicht verzockt. Ich habe es benutzt, um von einem Gläubiger loszukommen, dem ich nach der Scheidung von Katrin fast zwanzigtausend Euro schuldete – ein Privatkredit, den ich aufgenommen hatte, um die Anwaltskosten und die erste Kaution für das Zimmer in Connewitz zu stemmen, dazu Rückstände beim Unterhalt für meinen Sohn Elias, den ich seit dem Umzug seiner Mutter nach Chemnitz nur noch jedes zweite Wochenende sehe, und meistens auch das nicht. Der Rest ging drauf für zwei Monate Miete im Voraus, ein gebrauchtes Auto, weil meins den TÜV nicht mehr geschafft hätte, und – das gebe ich zu – eine Reise nach Mallorca mit einer Frau, die inzwischen auch wieder weg ist. Zwei Monate nach der Überweisung war fast nichts mehr da. Und dann kam die nächste Reparaturrechnung fürs Auto, achthundertsiebzig Euro, die ich nicht hatte, und ich merkte, wie schnell so ein Loch wieder aufreißt, wenn man es einmal notdürftig gestopft hat.
Ich rief Mama an einem Donnerstag an. Fragte, ob ich am Samstag vorbeikommen könnte. Sie klang froh, fast zu froh, und das machte es mir noch schwerer. Als ich ankam, hatte sie Soljanka gekocht und einen Apfelkuchen gebacken, die bestickte Tischdecke ihrer eigenen Mutter lag auf dem Tisch, mit den kleinen Kirschmustern, die ich seit der Kindheit kenne. Ich aß die Suppe, weil ich wusste, dass sie sich Mühe gegeben hatte, aber ich schmeckte fast nichts. Erst beim Kaffee brachte ich es raus. Ich bat um vierunddreißigtausend Euro. Sie fragte, was mit dem Geld vom Grundstück passiert sei, und ich rieb mit dem Daumen über den Henkel meiner Kaffeetasse, während ich von den Schulden erzählte, von denen sie nichts wusste, weil ich es ihr nie erzählt hatte. Ich rede nicht gern über mein Leben, das stimmt. Aber in diesem Moment fühlte ich mich nicht wie ein Mann, der lügt, sondern wie einer, der zum ersten Mal ehrlich ist und dafür bestraft wird.
Sie sagte, sie habe das Geld nicht. Ich fragte nach Franziska, wieso die sich das komplette Bad und alle Fenster in der Wohnung leisten konnte für vierunddreißigtausend, das reicht doch niemals. Mama sagte, das wisse sie nicht genau, vielleicht ein Kredit, vielleicht Ersparnisse, sie habe nicht nachgefragt. Und da kam mir ein Gedanke, den ich seit Monaten mit mir herumtrage und den ich an diesem Nachmittag zum ersten Mal aussprach: Vielleicht kam der Rest von ihr. Von Mama. So, wie Mama seit Jahren jeden Tag Franziskas Kinder von der Kita abholt, ihnen Essen kocht, sie am Nachmittag hütet, während Franziska und ihr Mann arbeiten. So, wie Luise nach der Arbeit einfach auf einen Tee vorbeikommen kann, weil sie fünf Straßen weiter wohnt. Ich fahre zwei Stunden mit dem Auto für eine Schüssel Suppe und zwei Stunden zurück in ein leeres Zimmer, in dem die Heizung klappert. Rechnerisch war jede Überweisung identisch. Aber das Leben, das um diese Überweisungen herum stattfindet, war es nie.
Ich habe an diesem Tag einen Satz gesagt, den ich nicht zurücknehmen will, auch wenn ich weiß, dass er wehgetan hat: "Du sagst immer, du teilst alles gleich zwischen uns auf. Aber gleich aufteilen ist nicht dasselbe wie gerecht aufteilen, Mama." Ich habe den Kuchen nicht angerührt. Ich bin gegangen, ohne mich richtig zu verabschieden, und ich habe ihre Anrufe die folgende Woche nicht angenommen – dreimal, dann ging es direkt auf die Mailbox. Nicht aus Trotz. Ich wusste einfach nicht, was ich noch sagen sollte, ohne dass es wie eine Anklage klang, obwohl ich niemanden anklagen wollte. Ich wollte nur, dass einmal jemand zugibt, dass Nähe auch etwas wert ist, das man nicht überweisen kann und das trotzdem zählt.
Franziska rief mich zwei Wochen später an, wütend. Sie sagte, sie habe Mama nie gezwungen, auf ihre Kinder aufzupassen, das sei freiwillig gewesen, und jetzt würde ich das benutzen, um Mama ein schlechtes Gewissen zu machen. Vielleicht hat sie recht. Ich habe ihr nicht widersprochen, ich habe nur aufgelegt, weil ich merkte, dass ich in diesem Gespräch sowieso verlieren würde – entweder als der undankbare Sohn oder als der neidische Bruder. Beides stimmt nicht ganz, beides stimmt auch nicht ganz nicht.
Ende August rief Mama mich noch einmal an, an einem Sonntagabend. Ich nahm ab, weil ich es einfach nicht mehr über mich brachte, sie ins Leere laufen zu lassen. Sie sagte, sie habe die letzten Wochen nachgedacht, über das Grundstück, über die Stachelbeeren, die Oma jeden Sommer gepflückt hatte, und darüber, dass sie mit dem Geld aus dem Verkauf zwar allen dasselbe gegeben, sich selbst aber nie gleichmäßig verteilt habe. Sie schlug etwas vor, das mich überrascht hat, weil es kein Geld war und keine Entschuldigung, sondern ein Papier: Sie würde einen Dauerauftrag einrichten, hundertfünfzig Euro monatlich, direkt von ihrem Konto auf meins, offiziell deklariert als Fahrtkostenzuschuss, damit ich öfter zu ihr nach Leipzig-Süd kommen kann, ohne dass mich jede Fahrt finanziell auffrisst. Kein Geschenk aus schlechtem Gewissen, sagte sie, sondern eine Art, das umzurechnen, was sie Franziska jeden Tag umsonst schenkt, in etwas, das auch bei mir ankommt. Sie zeigte mir am Küchentisch den ausgedruckten Überweisungsträger, den sie schon bei der Sparkasse ausgefüllt hatte, mit meiner IBAN, ihrer Unterschrift, dem Datum vom folgenden Montag.
Ich habe das Papier genommen und in die Innentasche meiner Jacke gesteckt, ohne etwas zu sagen dazu, was groß genug gewesen wäre für das, was in dem Moment in mir vorging. Ich bin am nächsten Wochenende wieder hingefahren, ohne Anlass, einfach so, mit Elias, den ich ausnahmsweise übers Wochenende hatte. Mama hat für ihn Buletten gemacht und ihm die alte Fotoalbum-Kiste vom Grundstück gezeigt, die Bilder von der Veranda, von Oma zwischen den Stachelbeersträuchern. Elias hat gefragt, ob wir da mal hinfahren können, obwohl es das Grundstück gar nicht mehr gibt. "Vielleicht besuchen wir stattdessen einfach öfter die Oma", habe ich gesagt, und er hat sich noch ein Buletten-Brötchen genommen und Mama nach der nächsten Fotokiste gefragt, während ich den Überweisungsträger in meiner Innentasche spürte, jedes Mal, wenn ich mich vorbeugte, um ihm das Brot zuzuschieben.
