Serverraum in Hagenberg, oder wie Helga Wendt dem Bürgermeister die Tür zum Rathaus zuschlug

Helga Wendt betreibt ihren Gemüsestand an der Bahnhofstraße in Hagenberg seit dreiundzwanzig Jahren. Der Stand ist zwei Meter mal drei, Blechtresen, darüber ein Kalender von der Allianz mit eingeknickter Ecke. Von Serverräumen hatte sie bis zum März keine Ahnung.

Im März hängten sie am Anschlagkasten bei der Bushaltestelle den Bebauungsplan aus. Jemand, vielleicht die Nachbarin aus dem dritten Stock, klebte einen Pfeil mit Filzstift drauf: "Hier kommt der Betonklotz hin, 40 Meter, ohne Fenster." Helga las es dreimal, weil die Buchstaben klein waren und sie seit ihrer Grauen-Star-Operation eine Lesebrille mit plus zwei Komma fünf trägt.

Der Investor nannte sich "Silvertree Data Deutschland GmbH", eine Gesellschaft mit Sitz irgendwo in Frankfurt, Stammkapital fünfundzwanzigtausend Euro, in den Unterlagen – keine Produktionsadresse. Sie wollten ein Rechenzentrum mit 55 Megawatt Leistung bauen, versorgt aus derselben Leitung, aus der auch der Strom für die Siedlung Nordfeld und das Kreiskrankenhaus kommt. Wasser aus der städtischen Versorgung, Kühlung, zwanzigtausend Kubikmeter im Jahr – so viel, wie der ganze Stadtteil im August verbraucht, wenn die Leute ihre Gärten gießen.

Bürgermeister war Klaus Dittmann, einundfünfzig Jahre alt, zwei Amtszeiten, sein Sohn hatte Bauingenieurwesen studiert und arbeitete seit einem Jahr bei einer Projektentwicklungsfirma als "Investitionsberater". Diese Firma war Subunternehmer beim Serverraum-Projekt. Niemand sprach das offen aus, aber in der Stadtratssitzung wussten es alle.

"Herr Bürgermeister, ist Ihr Sohn zufällig nicht bei dieser Gesellschaft beschäftigt?", fragte Helga bei der Sitzung im April, mit einem Mikrofon in der Hand, das knisterte.

Dittmann antwortete, ohne sie anzusehen:

"Diese Frage steht nicht auf der Tagesordnung."

Das war's. Die Sitzung lief weiter, als wäre nichts gewesen.

Helga ging von Tür zu Tür mit einer Mappe – einer einfachen Pappmappe mit Gummiband, gekauft im Schreibwarenladen für drei Euro neunzig. In der Mappe sammelte sie Unterschriften für eine Petition an die Bezirksregierung. Sie war keine Aktivistin, kannte sich mit Umweltverfahren nicht aus, aber sie konnte rechnen – in dreiundzwanzig Jahren Kartoffelverkauf hatte sie gelernt, wie teuer es wird, wenn man den Strompreis um einen Cent pro Kilowattstunde anhebt.

Die Stromrechnung für ihre Wohnung im Block im Nordfeld lag bei hundertachtzig Euro im Monat. Nachbarn aus dem Vorstand der Wohnungsgenossenschaft rechneten vor, dass nach Inbetriebnahme des Rechenzentrums die Netzentgelte um achtzehn Prozent steigen könnten – weil die Leitung überlastet würde, der Netzausbau Geld kostet, und wer soll das zahlen, wenn nicht die Bewohner.

Im Mai hatte sie hundertvierundsiebzig Unterschriften zusammen. Sie trug die Mappe unter dem Mantel, weil es gerade schüttete, und hatte Angst, dass die Tinte der Unterschriften verwischen würde.

Bei der Juni-Sitzung war der Saal voll – zum ersten Mal seit sie vor fünf Jahren die Kinderstation im Krankenhaus geschlossen hatten. Jemand brachte eine Thermoskanne Tee mit, jemand anderes Klappstühle aus dem Feuerwehrhaus. Dittmann saß am Vorstandstisch, neben ihm Stadtrat Herrmann, der zufällig ein Baugrundstück hundert Meter vom geplanten Rechenzentrum besaß und deshalb plötzlich von "Entwicklungsperspektiven für die Gemeinde" sprach.

Helga ging zum Rednerpult. Ihre Hand zitterte nicht, denn in dreiundzwanzig Jahren Handel hatte sie gelernt, vor Leuten zu stehen.

"Herr Bürgermeister. Hundertvierundsiebzig Unterschriften. Und eine Frage: Wie viel verdient Ihr Sohn an diesem Bau, bevor wir achtzehn Prozent mehr für den Strom zahlen?"

Jemand verschluckte sich am Tee, jemand anderes rutschte mit dem Stuhl, die Thermoskanne klapperte auf dem Tisch. Dittmann sagte, das Projekt durchlaufe "das normale Umweltverfahren" und "familiäre Spekulationen hätten hier nichts zu suchen". Aber seine Stimme kippte bei dem Wort "familiäre".

Zwei Wochen später erschien im Lokalblatt, der "Hagenberger Wochenzeitung", ein Artikel mit Unterlagen aus dem Handelsregister – der Sohn des Bürgermeisters, Sebastian Dittmann, war seit Januar als Prokurist der Subunternehmer-Gesellschaft eingetragen. Das Dokument war öffentlich, jeder hätte es für zehn Euro Gebühr beim Registergericht abrufen können, nur hatte das bis dahin keiner getan.

Das Regierungspräsidium setzte die Umweltgenehmigung aus, bis der Interessenkonflikt geklärt war. Sie hoben das Projekt nicht auf, sondern froren es für zwölf Monate ein – Juristen aus Darmstadt beriefen sich in ihrem Gutachten für die Behörde auf die Vorschriften zum Verwaltungsverfahren in Fällen, in denen der entscheidende Beamte ein persönliches Interesse am Inhalt der Entscheidung hat. Das Interesse war hier mittelbar, über den Sohn vermittelt, und genau das musste geklärt werden, bevor das Verfahren weiterlaufen konnte.

Der Stadtrat kam im September zum Misstrauensantrag gegen Dittmann zusammen. Abstimmung – neun zu sieben. Der Antrag ging durch.

Helga ging nicht zu dieser Sitzung. Sie saß in ihrem Gemüsestand, wog Kartoffeln für Frau Christel aus Block Nummer 12 ab und hörte über das Transistorradio, das knisternd auf dem Regal neben der Kasse stand, wie der Sprecher vom Lokalsender das Abstimmungsergebnis verlas.

Dittmann rief sie am nächsten Tag persönlich an. Woher er die Nummer hatte, weiß niemand – wahrscheinlich von der Unterschriftenliste, die sie mal mit Kontaktdaten beim Rathaus einreichen musste.

"Frau Wendt. Ich verstehe Ihre Entschlossenheit, aber das schadet der Gemeinde. Die Investoren ziehen sich zurück, Arbeitsplätze gehen verloren."

"Herr Bürgermeister, ich schließe kein Rechenzentrum. Ich schließe Ihnen die Tür zum Amtszimmer. Das sind zwei verschiedene Dinge."

Sie legte den Hörer des Festnetztelefons auf – das alte mit der Wählscheibe, das auf dem Kühlschrank steht, weil der Handyempfang im Gemüsestand schlecht ist.

Die "Silvertree Data Deutschland GmbH" zog ihren Antrag im Oktober offiziell zurück, als die Amtsgeschäfte bis zur Neuwahl von einem vom Innenministerium eingesetzten Beauftragten übernommen wurden und die bisherige stellvertretende Stadtratsvorsitzende, Petra Lindemann, als Ratsmitglied einen Antrag auf eine komplett neue Umweltprüfung stellte – mit neuem technischem Betreiber, ohne Beteiligung von Firmen, die mit der Familie Dittmann verbunden waren.

Helga kehrte zu ihrem Stand zurück. Sie wog ein Kilo Kartoffeln für Frau Christel ab, füllte sie in eine Plastiktüte, knotete sie zu. Der Allianz-Kalender hing über dem Tresen, in derselben Ecke eingeknickt. Die Mappe mit den Unterschriften lag in der Schublade unter der Kasse, zwischen Schnur und Taschenrechner, und aus dem Radio auf dem Regal knisterte die alte Antenne, als der Sprecher zum Wetterbericht überging.

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