Ich heiße Jonas Brückner, ich bin vierunddreißig, und ich erzähle das hier, weil meine Schwägerin Katja überall herumerzählt, ich sei der Böse in dieser Geschichte. Soll sie. Aber dann will ich wenigstens erzählen, wie es für mich aussah.
Meine Frau Meike und ich haben acht Jahre lang die Kfz-Werkstatt ihres Vaters in Bottrop geführt, zusammen mit ihrer Schwester Katja und deren Mann Dennis. Zu viert, eine Hebebühne, ein Hof voller Golf und Passat, Geruch nach Bremsenreiniger, der sich in jede Jacke frisst. Der alte Herr Wessling, mein Schwiegervater, hat die Werkstatt 1991 aufgemacht, mit einem Kredit von der Sparkasse Bottrop und einer geliehenen Hebebühne. Das hat er uns jedes Weihnachten erzählt, bei der Gans, mit Rotkohl, den keiner mochte außer ihm.
Als er letztes Jahr im März starb, lag im Notar-Büro in der Horster Straße ein Testament, das keiner kannte. Die Werkstatt, inklusive Grundstück, geht zur Hälfte an Meike, zur Hälfte an mich – nicht an Katja und Dennis. Begründung, handschriftlich angehängt: „Jonas hat die Buchhaltung ehrlich gemacht, als Dennis Bargeld aus der Kasse nahm für seine Wetten." Das stand da. Schwarz auf weiß, Kugelschreiber, der alte Mann hat nie einen Füller besessen.
Katja hat das im Notarbüro gelesen und ist einfach gegangen. Keine Szene, kein Schreien. Das kam erst zwei Wochen später, bei uns in der Küche in Gladbeck, am Dienstagabend, der Fernseher lief noch, irgendeine Vorabendserie, Ton aus. Sie stand in der Tür mit einer Aldi-Tüte, in der Unterlagen waren, und sagte, ich hätte ihren Vater „bearbeitet". Ich hab nichts bearbeitet. Ich hab acht Jahre lang um sechs Uhr dreißig aufgemacht, während Dennis um neun kam, wenn überhaupt.
Dennis hat nie direkt mit mir gesprochen, danach. Er hat über Katja geschickt: eine Nachricht hier, eine Bemerkung dort, einmal eine Zahlungsaufforderung für angeblich „investierte Arbeitsstunden", mit einer Summe, die er sich offenbar nachts ausgedacht hatte. Zweiundzwanzigtausend Euro. Ich hab die Nachricht drei Mal gelesen und dann gelöscht.
Was Katja nicht wusste, weil ich es ihr nie erzählt hab: Ihr Vater hat mich im Januar, zwei Monate vor seinem Tod, mit zur Bank genommen, zur Sparkasse Bottrop, Filiale Boy. Er wollte, dass ich das Geschäftskonto sehe. Er hat mir gezeigt, wie oft Dennis Geld abgehoben hatte, immer freitags, immer runde Summen, 500, manchmal 800. Er hat nichts gesagt dazu, nur den Kontoauszug auf den Tresen gelegt und mich angeschaut, als würde er warten, dass ich etwas sage, das er schon wusste. Ich hab nur genickt. Danach hat er mir den Zündschlüssel seines alten Opel Kadett gegeben, mit dem er immer zum Angeln nach Haltern gefahren ist. „Pass auf den auf", hat er gesagt. Mehr nicht.
Katja hat in der Küche gestanden, mit der Aldi-Tüte, und mir vorgeworfen, ich hätte das Erbe „gekapert". Dabei hat sie nie gefragt, warum ihr Vater das so entschieden hat. Sie hat auch nie gefragt, warum Dennis seit zwei Jahren keine Lohnabrechnung mehr eingereicht hat, obwohl er angeblich Vollzeit in der Werkstatt gearbeitet hat. Das hab ich ihr an dem Abend nicht gesagt. Ich hab nur den Fernseher lauter gestellt, aus Verlegenheit, und sie ist gegangen, ohne die Tüte mitzunehmen.
Die Tüte stand drei Wochen bei uns im Flur. Meike wollte sie nicht wegwerfen, falls Katja zurückkommt. Sie kam nicht zurück. Dennis auch nicht. Stattdessen kam ein Brief von einem Anwalt aus Essen, der behauptete, das Testament sei unter „Beeinflussung einer kognitiv eingeschränkten Person" entstanden. Mein Schwiegervater hat bis zum letzten Tag Skat gespielt, jeden Mittwoch im Vereinsheim, und noch im Februar den gesamten Kassensturz der Werkstatt im Kopf durchgerechnet, weil der Taschenrechner kaputt war. Kognitiv eingeschränkt. Ich hab den Brief Meike gegeben und bin rausgegangen, eine Zigarette rauchen, was ich seit Jahren nicht mehr gemacht hab.
Der Notar, Herr Albrecht, hat uns beide eingeladen, Meike und mich, noch mal einzeln mit Katja zu sprechen, bevor es vor Gericht geht. Das war im Mai. Ein kleiner Raum über der Sparkasse, ein Glas Wasser, das keiner angerührt hat. Katja saß da mit roten Augen und hat gesagt, es gehe ihr nicht ums Geld, es gehe darum, dass ihr Vater sie „übergangen" hätte. Ich hab ihr die Kontoauszüge auf den Tisch gelegt, die ihr Vater mir im Januar gezeigt hatte, Kopien, die ich mir hatte geben lassen. Sie hat sie nicht angefasst. Dennis war gar nicht erst gekommen.
Katja hat drei Monate später die Klage zurückgezogen. Kein großer Moment, kein Satz, der alles erklärt. Ein Fax beim Notar, das war's. Meike hat mir erzählt, Dennis hätte inzwischen seine eigene Werkstatt in Herne aufgemacht, mit Geld von seinem Bruder, und Katja arbeite dort an der Anmeldung, drei Tage die Woche.
Wir haben die Werkstatt in Bottrop behalten. Letzten Monat haben wir die alte Hebebühne endlich austauschen lassen, eine neue von einer Firma aus Recklinghausen, zwölftausend Euro, finanziert über die Sparkasse, mit der der alte Herr Wessling 1991 angefangen hatte. Ich hab den Opel Kadett nicht verkauft. Er steht hinten im Hof, unter einer Plane, und einmal im Monat fahr ich damit zum See in Haltern, allein, ohne zu angeln, einfach so.
Katja und ich sehen uns manchmal beim Rewe in der Boschstraße. Wir grüßen uns. Mehr nicht. Letzte Woche stand sie an der Kasse vor mir, mit einem Korb voller Sachen für eine Grillfeier, und wir haben über das Wetter geredet, zwanzig Sekunden lang, bis die Kassiererin ihren Bon ausgedruckt hat. Dann ist sie gegangen, und ich hab meine Sachen eingepackt und bin zur Werkstatt zurückgefahren, wo Meike schon auf mich gewartet hat, mit der Kaffeemaschine, die seit acht Jahren tropft und die keiner von uns ersetzen will.
