Die vier Wölfe von Rammelsberg

Ich bin Thorsten Albrecht, Förster im Harz, seit achtzehn Jahren verheiratet mit Gretchens Enkelin – also eigentlich Schwiegerenkel der alten Gretchen Vogt, wobei das Wort nie so richtig gepasst hat. Die Leute im Dorf nannten sie nur "die Wolfsfrau", manche mit einem Lächeln, manche mit einem Kopfschütteln. Ich gehörte eher zur zweiten Sorte. Jahrelang.

Als ich Elke heiratete, war das erste, was ihre Großmutter zu mir sagte: "Du riechst nach Jägerverband." Stimmte auch. Ich hatte zwölf Jahre lang Jagdscheine ausgestellt, bevor ich zur Forstverwaltung wechselte, und für mich war ein Wolf ein Problem mit vier Beinen, kein Haustier. Gretchen dagegen hatte 2009, im Jahr nachdem ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war, vier Welpen aus dem Straßengraben an der L504 bei Rammelsberg geholt. Die Mutter lag tot im Graben, überfahren von einem Milchlaster, die Jungen – vielleicht sechs Wochen alt – lagen noch zwischen den Farnen und winselten.

Sie hat sie in ihrer Scheune großgezogen. Mit Ziegenmilch aus der Flasche, die sie bei Bauer Henning gegenüber kaufte, zwei Liter jeden Morgen für sechzehn Euro die Woche – das weiß ich noch, weil Elke mir die alten Haushaltshefte ihrer Großmutter später gezeigt hat, mit Bleistift notiert, jede Ausgabe. Sie schlief im Stroh neben ihnen, wenn sie in den ersten Wochen nachts jaulten. Im Dorf hieß es, sie rede mit den Tieren wie mit Enkelkindern. Ich hielt das für Alterssentimentalität einer einsamen Witwe.

Nach vierzehn Monaten, als die Rüden kräftig genug waren, ließ Gretchen das Scheunentor offen stehen. Kein Halsband, keine Leine, nichts. Sie saß einfach auf der Bank vor dem Haus und wartete. Die vier standen eine Weile im Hof, liefen um sie herum, einer legte den Kopf auf ihre Knie – das hat mir Elke erzählt, sie war damals zwölf und hat es mit eigenen Augen gesehen, vom Küchenfenster aus, während ihre Mutter Kartoffeln schälte und sagte, sie solle sich nicht so nah ans Fenster stellen. Dann, an einem Oktobermorgen, waren sie weg. Einfach im Fichtenwald verschwunden, der hinter dem Grundstück zum Rammelsberg hin ansteigt.

Gretchen erzählte danach nie wieder groß davon. Sie bewirtschaftete ihren kleinen Gemüsegarten, verkaufte samstags Eier auf dem Markt in Goslar, ging sonntags zur Messe in der Marktkirche – ein ganz normales Leben für eine Frau, die mit zweiundsiebzig alleine lebte. Bis zu jenem Abend im November 2019.

Ich war an diesem Tag mit dem Geländewagen unterwegs, weil ein Wanderer bei der Revierleitung eine verletzte Rehgeiß gemeldet hatte, und kam gegen halb sieben an Gretchens Hof vorbei, als ich Licht in der Küche sah, obwohl eigentlich schon lange dunkel war und sie um diese Zeit normalerweise schlief – die Frau ging mit den Hühnern ins Bett, das war bei ihr Gesetz. Etwas stimmte nicht. Ich hielt an.

Was ich dann auf dem Hof sah, werde ich nie vergessen, auch wenn ich es niemandem im Jägerverband erzählen würde, weil sie mich für verrückt erklären würden. Vier Wölfe standen im Kreis um das Scheunentor, die Köpfe gesenkt, als würden sie etwas bewachen. Ausgewachsene Tiere, keine Welpen mehr – schwere Schultern, graubraunes Winterfell, mindestens vierzig Kilo jeder, schätzte ich. Drinnen, auf dem Scheunenboden, lag Gretchen. Sie war beim Füttern der Hühner gestürzt, hatte sich den Oberschenkelhals gebrochen und lag dort schon, wie sich später herausstellte, seit fast vier Stunden, bei knapp zwei Grad Außentemperatur.

Die Wölfe hatten sie nicht angerührt. Sie hatten sich um sie gelegt – das sagte mir später auch der Notarzt, der die Körpertemperatur maß und meinte, ohne die Wärme wäre sie an Unterkühlung gestorben, nicht am Bruch. Als ich aus dem Auto stieg, hoben alle vier gleichzeitig den Kopf. Keiner knurrte. Einer, der größte, der sogenannte Leitrüde, blieb stehen, wo er war, während die anderen drei zum Waldrand zurückwichen. Erst als ich mit der Trage zu Gretchen ging, verschwand auch er.

Ich rief den Rettungsdienst aus Goslar, saß danach eine halbe Stunde neben ihr im kalten Scheunenlicht und hielt ihre Hand, die eiskalt war. Sie sagte mit trockenen Lippen immer wieder denselben Satz: "Die haben mich nicht vergessen, Thorsten. Die haben mich nicht vergessen." Ich habe nichts geantwortet. Was sollte ich auch sagen. Ich, der ich mein halbes Leben lang Abschusspläne für Wildschweine und – früher, als es noch legal diskutiert wurde – für Wölfe unterschrieben hatte, saß da mit einer Gänsehaut, die nichts mit der Kälte zu tun hatte.

Die Geschichte machte im Dorf die Runde, natürlich übertrieben in jeder Wiedergabe – bei der dritten Version hatten die Wölfe angeblich schon die Tür aufgedrückt und Decken gebracht. Die Harzer Umweltbehörde schickte jemanden vorbei, ein Biologe namens Dr. Sellmer, der Wildkameras am Waldrand aufstellte und meinte, es handle sich wahrscheinlich tatsächlich um Gretchens aufgezogene Tiere oder zumindest um deren Nachkommen, die das Gelände als vertrautes Territorium kannten. Wissenschaftlich erklärbar, sagte er, kein Wunder. Aber sein Gesicht, als er das sagte, wirkte selbst nicht ganz überzeugt.

Gretchen kam drei Wochen später aus der Klinik in Goslar zurück, mit einem Rollator und der Ansage, auf keinen Fall ins Altersheim zu ziehen. Elke und ich diskutierten das ganze Wochenende, ob wir sie zu uns nach Clausthal-Zellerfeld holen sollten. Dann fuhr ich noch einmal allein zum Hof, um nach dem Haus zu sehen, bevor die Entscheidung fiel.

Ich stand im Dämmerlicht am Zaun, mit dem Schlüssel in der Hand, den Gretchen mir für die Heizungsanlage im Keller gegeben hatte, und sah sie wieder: vier Schatten am Waldrand, reglos, die Augen auf das dunkle Haus gerichtet, in dem seit drei Wochen niemand mehr das Licht angemacht hatte. Sie warteten. Darauf, dass die Küche wieder leuchtet.

Ich rief Elke an, den Blick auf die vier Umrisse zwischen den Fichten gerichtet, und sagte nur: "Sie bleibt hier. Wir bauen das Bad im Erdgeschoss um, wir organisieren eine Pflegekraft aus Goslar für die Vormittage, und ich fahre jeden Abend nach der Revierkontrolle vorbei." Elke schwieg einen Moment am Telefon, dann sagte sie: "Das kostet uns mindestens achthundert Euro im Monat extra, Thorsten." – "Ich weiß", sagte ich. "Wir schaffen das."

Am nächsten Tag ließ ich bei der Sparkasse Goslar eine Vollmacht auf Gretchens Konto eintragen, damit ich die Pflegekraft und die Handwerkerrechnungen direkt begleichen konnte, ohne dass sie sich mit Papierkram plagen musste. Den Vertrag mit dem Bauunternehmer für den barrierefreien Umbau unterschrieb ich zwei Wochen später am Küchentisch, während Gretchen mit dem Rollator am Fenster stand und zum Waldrand hinaussah, wo an diesem Nachmittag niemand zu sehen war.

Seit damals lebt sie in ihrem eigenen Haus, nicht in einem Heim, mit einer festen Pflegekraft am Vormittag und mit mir jeden Abend gegen sieben, wenn ich von der Revierkontrolle komme und nach der Heizung sehe. Die Wildkameras von Dr. Sellmer hängen immer noch am Waldrand, aber seit jenem November 2019 ist dort nichts Ungewöhnliches mehr aufgezeichnet worden – nur Rehe, gelegentlich ein Fuchs, einmal ein Luchs.

Gestern Abend, auf dem Rückweg von der Revierkontrolle, hielt ich wie jeden Tag auf dem Hof an. Gretchen saß schon am Küchentisch, der Rollator griffbereit neben ihrem Stuhl. Ich stellte den Werkzeugkasten für die Heizung in der Diele ab, ging zum Schalter und machte das Küchenlicht an, noch bevor ich die Tür hinter mir schloss. Draußen, am Rand des Fichtenwalds, war nichts zu sehen außer den dunklen Umrissen der Bäume. Ich zog die Vorhänge nicht zu. Dann setzte ich mich zu ihr an den Tisch und fing an, die Rechnung des Sanitärbetriebs durchzugehen, Posten für Posten, während draußen die Nacht über den Rammelsberg stieg.

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