Frank Beuscher wollte eigentlich nur ein Wochenendhaus kaufen. Kein Palast, kein Statement – nur einen Rückzugsort, weit weg von seiner Wohnung in Leipzig-Connewitz, wo der Verkehrslärm der Prager Straße durch jedes noch so gut isolierte Fenster drang. Sein SUV, ein schwarzer Volvo XC90, den er sich erst vor sechs Wochen zugelegt hatte, ächzte auf dem Feldweg irgendwo zwischen Torgau und der polnischen Grenze. Schlaglöcher, so tief, dass er den Unterboden kratzen hörte. Äste peitschten gegen die Türen.
„Wo zum Teufel bin ich hier gelandet", brummte er und umklammerte das Lenkrad.
Der Makler aus Torgau hatte am Telefon geschwärmt: massives Blockhaus, direkt an der Schwarzen Elster, Preis weit unter Marktwert, weil der Besitzer angeblich schnell verkaufen müsse. Frank hatte nachgefragt, warum die Eile. „Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Er sagte was von Wegzug. Aber die Papiere sind sauber, das hab ich geprüft."
Als der Wald sich endlich lichtete, trat Frank unwillkürlich auf die Bremse. Vor ihm öffnete sich eine Wiese, gebadet im Licht eines Septembernachmittags, der noch warm war wie im Hochsommer. Dahinter glitzerte der Fluss, schmal, mit einer kleinen Sandbank. Und fast am Ufer, zwischen alten Birken, stand ein Blockhaus mit steilem Dach. Das Holz war dunkel vor Alter, aber jemand pflegte es: frisch gestrichene Fensterläden, ein Zaun, der gerade stand, eine Veranda, die offensichtlich erst kürzlich neu verlegt worden war.
„Na gut", murmelte Frank. „Für sowas nehme ich die Schlaglöcher in Kauf."
Er stieg aus, klopfte sich den Staub von der Jacke. Irgendwo weit weg muhte eine Kuh, sonst nichts als das Plätschern des Wassers über Kiesel. Er ging zur Tür und rief: „Hallo? Ist da wer?"
Die Tür ging auf. Ein Mann trat auf die Veranda, kleiner als Frank, leicht gebeugt, mit einer Geheimratsecke, die sich schon deutlich zurückgezogen hatte. Kariertes Hemd, ausgewaschene Jeans. Frank streckte reflexhaft die Hand aus – und hielt inne.
Etwas an dem Gesicht. An den Augen, in denen sich feine Falten sammelten. Er kannte die.
„Guten Tag", sagte der Mann. „Sie sind Frank? Der Makler hat mich angerufen."
Die Stimme. Etwas heiser, leicht abgehackt, so als würde er sich zwingen, die Worte gerade herauszubekommen. Und diese Angewohnheit, beim Sprechen den Kopf leicht schräg zu halten. Frank musterte ihn.
„Ja", sagte er. „Und Sie sind – Entschuldigung, wie war der Name?"
„Klaus. Klaus Winter."
Da erst schoss es Frank durch den Kopf. Klaus. Fünfte bis achte Klasse, Oberschule in Delitzsch, hinten am Fenster, in der letzten Reihe. Damals hieß Frank noch nicht Beuscher – der Name kam erst von der zweiten Ehe seiner Mutter, aber in der Schule kannten ihn alle als den Jungen, dessen Vater die Straßenbaufirma leitete. Ein kräftiger, lauter Junge, der es gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen. Neue Turnschuhe jede Saison, immer Taschengeld in der Hosentasche.
Und Klaus Winter, ganz hinten, dünn, blass, mit einer Brille, deren rechter Bügel mit Tesafilm zusammengehalten wurde. Die Mutter putzte in derselben Schule, einen Vater gab es nicht. Die Kleidung kam aus zweiter Hand, meist zu groß. Und er stotterte – nicht durchgehend, aber sobald er aufgeregt war, blieb ihm jedes zweite Wort im Hals stecken.
Kinder können grausam sein. Frank wusste das jetzt, mit zweiundvierzig, aus der distanzierten Perspektive eines Mannes, der selbst zwei erwachsene Kinder hatte. Aber damals, mit zwölf, hatte er nicht darüber nachgedacht. Er hatte einfach mitgemacht, wenn die anderen Klaus nachäfften, seine Brille versteckten, ihn "K-K-Klaus" nannten, bis der Junge rot anlief und irgendwann aufhörte, überhaupt noch im Unterricht die Hand zu heben. Frank war nicht der Schlimmste gewesen – das musste man ihm zugutehalten, es gab in der Klasse Ärgere. Aber er hatte auch nie eingegriffen. Und einmal, an einem Wintertag auf dem Schulhof, hatte er Klaus' Mütze in eine Pfütze geworfen, nur weil die anderen lachten und er wollte, dass sie weiterlachten. Das war das letzte Bild, das er von Klaus behalten hatte – der Junge, kniend im Matsch, wie er versuchte, die nasse Mütze mit klammen Fingern auszuwringen, während sein Gesicht keine Regung zeigte.
Frank stand jetzt auf der Veranda dieses Mannes, über dreißig Jahre später, und spürte, wie ihm die Hitze in den Nacken stieg.
„Klaus… Winter", wiederholte er, als müsste er den Namen erst prüfen. „Wir waren zusammen auf der Schule. In Delitzsch."
Klaus' rechte Hand, die auf dem Türrahmen lag, krallte sich kurz fester ins Holz, die Knöchel wurden weiß, dann lockerte sich der Griff wieder. „Stimmt", sagte er. „Ich hab Sie sofort erkannt. Als der Makler den Namen genannt hat."
„Sie – haben mich erkannt und trotzdem…" Frank brach ab. Trotzdem was? Trotzdem verkauft er ihm sein Haus?
„Kommen Sie rein." Klaus drehte sich schon um, bevor Frank antworten konnte. „Ich mach Kaffee."
Das Haus innen war einfach, aber sauber und durchdacht: ein großer Holztisch, den offensichtlich jemand selbst gebaut hatte, Regale voller Werkzeug und Angelzeug, das nach Öl und feuchtem Nylon roch, an der Wand ein gerahmtes Foto von einer jungen Frau und einem Teenager. Es war kurz nach drei, die Sonne stand schräg im Fenster. Klaus stellte eine Filtermaschine an, alt, mit abgestoßenem Griff, füllte den Filter mit Melitta-Kaffee direkt aus der Tüte, ohne abzumessen, und knallte zwei ungleiche Tassen auf den Tisch, ohne zu fragen, ob Frank überhaupt welchen wollte.
„Meine Frau ist letztes Jahr gestorben", sagte er, während die Maschine hinter ihm zu blubbern begann. Kein Zittern in der Stimme, keine Theatralik – nur eine Tatsache, die er längst mit sich herumtrug. „Mein Sohn studiert in Dresden, Medizintechnik. Ich zieh zu ihm in die Stadt. Das Haus hier – " er machte eine Handbewegung durch den Raum „ – hab ich mit ihr zusammen aufgebaut. Stein für Stein, fast wörtlich. Aber allein brauch ich das nicht mehr."
Er goss ein, bevor die Maschine ganz durchgelaufen war, der Kaffee kam dünn und lauwarm aus dem Filter. Frank rührte trotzdem darin, obwohl kein Zucker drin war, nur um die Hände beschäftigt zu haben.
„Warum verkaufen Sie es dann so billig? Der Makler sagte, weit unter Marktwert."
Klaus setzte sich ihm gegenüber, beide Hände um die Tasse gelegt, an der linken fehlte ein Stück vom Nagel des Zeigefingers, alt verheilt. „Weil ich's schnell loswerden will. Und weil's mir eigentlich egal ist, wer's kriegt." Er machte eine Pause, länger als nötig. „Ehrlich gesagt – als der Makler den vollen Namen sagte, Frank Beuscher, da hab ich kurz überlegt, einfach nicht abzuheben, wenn Sie klingeln."
„Aber haben Sie nicht."
„Nein." Klaus trank einen Schluck, verzog kurz das Gesicht, der Kaffee war zu dünn geraten. „Ich brauch das Geld für Dresden. Eine Wohnung dort kostet mehr, als dieses ganze Grundstück hier wert ist. Da bleibt einem nicht viel Auswahl, wen man reinlässt."
Der Satz saß, und Frank spürte ihn auch so. Er stellte die Tasse ab, ein wenig zu hart, sodass es klapperte. „Klaus. Die Mütze. Damals im Schnee. Das war ich."
Klaus sah ihn an, sagte eine Weile nichts, drehte nur die Tasse einmal auf der Tischplatte.
„Ich hab dran gedacht", sagte Frank. „Nicht oft. Aber manchmal, wenn ich meinen eigenen Kindern beim Aufwachsen zugesehen hab. Ich war ein –" Er stockte, das Wort, das er sagen wollte, kam ihm plötzlich zu leicht vor. „Ich war feige. Das trifft's besser als Arschloch. Arschloch klingt, als hätt ich's mit Absicht gemacht. War schlimmer. Ich hab einfach mitgemacht, weil's leichter war."
„Ja", sagte Klaus. „Das waren Sie beides. Feige und ein Arschloch. Muss sich nicht ausschließen."
Es entstand eine Pause, in der nur das Ticken der alten Wanduhr über dem Herd zu hören war, dazu das Nachtropfen der Kaffeemaschine. Frank hatte eine Abrechnung erwartet, Vorwürfe, vielleicht dass Klaus ihn rauswerfen würde. Stattdessen saß der Mann ihm gegenüber, die Tasse zwischen den Händen, und sagte lange gar nichts mehr.
„Warum verkaufen Sie es dann ausgerechnet mir?", fragte Frank schließlich, um die Stille zu brechen.
„Weiß nicht, ob's mir wirklich egal ist", sagte Klaus langsam, „aber ich brauch's mir nicht mehr einzureden, dass es das nicht ist. Ich hab lang gebraucht, um da drüber wegzukommen. Manche Tage bin ich's, manche nicht." Er sah kurz zur Wanduhr, dann wieder zu Frank. „Sie sind heute jemand, der ein Haus kaufen will. Meistens jedenfalls."
Frank schwieg. Draußen vor dem Fenster zog eine Elster über den Fluss, ihr Schatten flackerte kurz über die Tischplatte.
„Ich kauf es nicht", sagte Frank dann.
Klaus zog die Augenbrauen hoch. „Wieso nicht? Es ist ein gutes Angebot."
„Weil ich Ihnen nicht noch einmal was wegnehmen will, für das Sie und Ihre Frau gearbeitet haben. Nicht zu diesem Preis." Frank zog sein Handy aus der Jacke, tippte kurz, hielt inne. Neunzigtausend war ein guter Preis. Ein sehr guter. Er hätte das Haus, den Fluss, die Veranda – und würde nie wieder hier sitzen müssen. Der Gedanke war da, kurz, unangenehm deutlich, bevor er ihn wegschob. „Was ist der reale Marktwert? Nicht der Freundschaftspreis, den der Makler mir genannt hat."
Klaus zögerte. „Vielleicht hundertfünfzigtausend. Vielleicht mehr, mit dem Grundstück."
„Dann zahl ich Ihnen hundertfünfzigtausend." Frank hörte selbst, wie die Zahl in seinem Mund komisch schwer klang. „Nicht die neunzig aus dem Exposé." Er öffnete die Banking-App, drehte den Bildschirm so, dass Klaus die Kontoübersicht sehen konnte. „Und ich möchte den Kontakt vom Notar in Torgau. Wir machen das sauber, diese Woche noch – bevor ich's mir anders überleg."
Der letzte Halbsatz war ihm einfach so herausgerutscht, halb Scherz, halb nicht.
„Das müssen Sie nicht", sagte Klaus, und seine Stimme kippte kurz, unsicherer als vorhin bei der Sache mit dem Notariat. Er schob die eigene Tasse ein Stück von sich weg, als bräuchte er die Hände frei. „Ich will jetzt nicht, dass Sie das aus – dass Sie glauben, ich hätt das so gemeint, damit Sie sich –"
„Ich weiß, dass ich das nicht muss", unterbrach Frank ihn. „Ich mach's trotzdem."
Drei Wochen später saßen beide im Notariat in Torgau, Aktenordner zwischen sich auf dem Tisch, die Unterschrift trocknete noch auf dem letzten Blatt des Kaufvertrags. Hundertfünfzigtausend Euro, überwiesen, quittiert, unwiderruflich. Klaus faltete seine Kopie zusammen und steckte sie in eine braune Mappe, die er sich unter den Arm klemmte.
„Für die Wohnung in Dresden reicht's jetzt locker", sagte er beim Hinausgehen, ohne Frank dabei anzusehen.
„Gut", sagte Frank. Er blieb vor dem Notariat stehen, während Klaus zu seinem alten Kombi ging. „Klaus."
Klaus drehte sich um, eine Hand schon auf dem Türgriff des Wagens.
„Falls Sie mal am Fluss vorbeikommen wollen – die Tür steht offen."
Klaus hob kurz die Hand, mehr ein knappes Abwinken als ein Gruß, stieg ein und fuhr los, ohne noch etwas zu sagen. Frank blieb auf dem Bürgersteig stehen, die Vertragsmappe unter dem Arm, und sah dem Kombi nach, bis er hinter der nächsten Kreuzung verschwand. Ob Klaus je vorbeikommen würde, wusste er nicht. Vielleicht musste das auch reichen.
