Vier Euro achtzig — so viel kostete die Rechnung für zwei Kaffee und ein Stück Apfelkuchen, die Bettina Wallner an jenem Dienstagnachmittag im Café am Marktplatz in Regensburg bestellte, während sie dem leeren Stuhl gegenüber saß.
Leer war er nicht immer. Neun Jahre lang hatte dort Thomas gesessen — ihr Mann, mit dem sie das Haus in Burgweinting gebaut hatte, einen Kredit über dreiundzwanzig Jahre und Pläne für den gemeinsamen Ruhestand im Bayerischen Wald. Getrennt hatten sie sich im März, nachdem sie auf seinem Handy Fotos gefunden hatte, die eine Ehefrau nicht finden sollte. Ohne Geschrei, ohne Türenschlagen. Thomas packte zwei Koffer, überwies seine Hälfte der Aprilrate und zog in eine Mietwohnung nach Kumpfmühl. Bettina brach nicht zusammen, sondern ging zum Friseur und ließ sich zum ersten Mal seit zwanzig Jahren die Haare kurz schneiden.
Kolleginnen aus der Schule — sie unterrichtete Mathematik am Gymnasium an der Albertstraße — fragten ständig, ob sie nicht wieder jemanden kennenlernen wolle. Sie legten ihr Profile auf Dating-Apps an, schickten Fotos von irgendwelchen Ingenieuren aus München und Ärzten aus Nürnberg. Sie nickte, versprach, darüber nachzudenken, und ging dann heim, wo sie auf dem Balkon Kräuter in alten Gurkengläsern trocknete und die Geranien gießte, die einst Thomas gepflanzt hatte und die jetzt ganz allein ihr gehörten.
In der Nachbarwohnung lebte Herr Brandner, ein pensionierter Lokführer, der jeden Morgen seinen Dackel namens Wurzel ausführte und immer an ihre Tür klopfte, um ihr die Zeitung zu bringen, obwohl sie seit Monaten keine abonniert hatte. Es war ein Ritual, keine Notwendigkeit. Sie wusste es, er wusste es, aber keiner sprach es aus.
Richtig kompliziert wurde es, als Thomas im August anrief. Er erzählte, die Firma, in die sie zusammen fünfzigtausend Euro gesteckt hatten, um eine Autowerkstatt an der Umgehungsstraße zu gründen, brauche noch mehr Geld — eigentlich wolle er, dass sie ihren Anteil auf ihn überschreibe, weil es für ihn steuerlich einfacher sei, da sie ja nun geschieden seien. Er sagte das beiläufig, als würde er sich einen Staubsauger ausleihen wollen.
Bettina antwortete nicht sofort. Sie fragte nur, wie viel die Werkstatt jetzt, nach einem Jahr Betrieb, wert sei. Thomas zögerte, sagte, er wisse es noch nicht genau, die Steuerberaterin rechne noch. Sie wusste, dass er log — schließlich hatte sie zwei Jahre lang über der Tabellenkalkulation gesessen, als sie das Geschäft noch gemeinsam geplant hatten, und sie wusste, dass eine Werkstatt mit drei Hebebühnen und einem Vertrag für die Paketdienst-Flotte heute deutlich über dreihunderttausend Euro wert war.
Statt zu streiten, vereinbarte sie einen Termin beim Notar in der Maximilianstraße — demselben, bei dem sie elf Jahre zuvor standesamtlich geheiratet hatten, eine Ironie, die außer ihr niemand bemerkte. Sie brachte eine Mappe mit dem Gesellschaftsvertrag, einen Kontoauszug der Firma und eine Kopie der notariellen Urkunde über die Anteile mit. Thomas kam im Anzug zum Termin, als wäre es ein Vorstellungsgespräch und kein Gespräch mit seiner Ex-Frau.
„Unterschreib das hier", sagte er und legte ihr ein Dokument vor, das sein Anwalt vorbereitet hatte. „Das ist nur eine Formalität."
Sie öffnete ihre eigene Mappe und legte daneben das Gutachten eines unabhängigen Sachverständigen, das sie eine Woche zuvor in aller Stille beauftragt hatte, ohne ihn zu fragen.
„Die Formalität kostet hundertsechzigtausend Euro, Thomas. So viel ist meine Hälfte der Anteile laut Gutachten wert. Ich unterschreibe, wenn die Überweisung auf meinem Konto ist."
Die Notarin, eine Frau mit Brille, die an diesem Schreibtisch schon so manche Trennung erlebt hatte, sagte kein Wort, sondern ordnete nur ihre Unterlagen. Thomas wurde blass, sagte, er habe nicht so viel Bargeld, die Firma stehe noch ganz am Anfang. Bettina klappte ruhig ihre Mappe zu.
„Dann warte ich eben. Die Anteile bleiben meine, bis du bezahlt hast. Und wenn du bis Ende des Jahres nicht zahlst, stelle ich einen Antrag auf Gewinnausschüttung entsprechend meinem Anteil — das steht mir zu, ich habe es geprüft."
Sie verließ die Kanzlei, kaufte auf dem Weg ein Sauerteigbrot in der Bäckerei an der Weißenburgstraße und kam heim, wo Wurzel schon vor ihrer Tür bellte, weil Herr Brandner gerade vom Spaziergang zurückkam. Sie setzte sich mit einer Tasse selbst getrockneter Melissentee auf den Balkon und sah zu, wie die Sonne hinter dem Dach des gegenüberliegenden Hauses verschwand.
Thomas zahlte im November — nicht hundertsechzigtausend, sondern hundertvierzigtausend, nach langem Hin und Her über die Anwälte, und das reichte ihr, um die Papiere zu unterschreiben und die Sache endgültig abzuschließen. Die Überweisung kam an einem Freitag, genau am Jahrestag der Scheidung. Bettina prüfte ihr Konto auf dem Handy, sitzend in demselben Café am Marktplatz, schloss die App und bestellte sich ein zweites Stück Apfelkuchen — dieses Mal ohne jemanden gegenüber, und ohne dass dort jemand sitzen musste.
