Ich heiße Markus, bin dreiundvierzig, und ich weiß genau, wie das aussieht, was ich getan habe. Ich will es trotzdem erzählen, so wie es sich für mich anfühlte, an jenem Dienstagabend im Oktober, als ich mit zwei Koffern und einer Flasche Crémant vor der Haustür in Freiburg stand.
Nadine öffnete uns nicht die Tür. Sie stand schon im Flur, als ich mit meinem Schlüssel aufschloss, als hätte sie gewusst, dass etwas kommt. Neben mir: Selina, achtunddreißig, Physiotherapeutin, cognacfarbener Mantel, ihre beiden Koffer bei der Rezeption unseres Reihenhauses in der Wiehre abgestellt wie am Flughafen.
Ich hatte mir den Satz auf der Fahrt zurechtgelegt. Vier Monate lang hatte ich mit Selina eine Wohnung in Kirchzarten unterhalten, die ich als "Büro für freiberufliche Projekte" in der Steuererklärung angegeben hatte. Nadine hatte nie gefragt. Das machte es leichter, ehrlich gesagt. Wenn sie geschrien hätte, hätte ich vielleicht aufgehört. Sie schrie nie.
"Nadine, das ist Selina." Ich sagte es, als würde ich zwei Kollegen vorstellen, die sich noch nicht kannten.
Nadine sah nicht Selina an. Sie sah auf die Koffer.
"Warum hat sie Gepäck dabei?"
Ich hatte mir vorgestellt, dass dieser Moment schwer werden würde. Er war es nicht. Ich fühlte mich seltsam leicht, fast erleichtert, als hätte ich monatelang einen Rucksack voller Steine getragen und würde ihn jetzt einfach am Türrahmen abstellen.
"Sie zieht bei uns ein", sagte ich. "Ich bin es leid, mich zu verstecken. Wir sind erwachsene Menschen. Du wirst dich daran gewöhnen müssen."
Ich nannte es "offene Ehe". Das Wort hatte ich aus einem Podcast, den ich auf dem Weg zur Arbeit gehört hatte, irgendwo zwischen Emmendingen und dem Büro. Es klang nach einer Lösung, nicht nach dem, was es wirklich war: Feigheit mit einem hübschen Etikett.
Was ich damals nicht wusste — und was mich rückblickend beschämt, weil es zeigt, wie wenig ich in den letzten Jahren wirklich hingesehen hatte: Nadine hatte längst reagiert. Nicht mit einem Wutausbruch. Mit einem Anwaltstermin, drei Wochen zuvor, bei einer Kanzlei am Freiburger Augustinerplatz. Und mit einem Anruf, von dem ich nichts ahnte, an einem Mann namens Robert Fenske, den ich noch nie gesehen hatte.
Selina öffnete den Crémant, den sie mitgebracht hatte, ganz selbstverständlich, als wäre das ihre Küche. Sie schenkte sich ein Glas ein, ging durchs Wohnzimmer, strich mit der Hand über die alte Anrichte, die von Nadines Großmutter stammte, und sagte: "Meine Sachen kommen ins Gästezimmer oben, oder?"
Ich sah, wie Nadine den Blick nicht von den Koffern nahm. Sie sagte nichts. Ich hielt das für Zustimmung. Das war mein größter Fehler an diesem Abend — ich verwechselte ihr Schweigen mit Kapitulation.
"Nadine", sagte ich, "wir sind doch keine Kinder mehr. Selina macht mich glücklich. Ich habe keine Lust mehr, mich zu verstecken."
"Und was soll ich tun?"
"Dich anpassen."
Ich hörte mich selbst reden und dachte, ich klinge souverän. Im Rückblick klinge ich wie ein Mann, der versucht, sich selbst zu überzeugen.
Nadine legte das Küchenmesser, mit dem sie gerade Petersilie gehackt hatte, langsam auf das Schneidebrett. Zu langsam, jetzt, wo ich daran zurückdenke.
"Kein Widerspruch?", fragte Selina, ein bisschen überheblich, ein bisschen zu zufrieden mit sich.
"Ich wusste, du wirst irgendwann vernünftig sein", sagte ich.
Nadine nahm ihr Handy vom Küchentresen. Ich fragte, wen sie anrufe. Sie sagte nur: "Jemanden, der über unsere neue Vereinbarung Bescheid wissen sollte."
Ich dachte an ihre Schwester. An ihre Mutter, vielleicht, die mich seit Jahren nicht besonders mochte. Ich dachte an alles Mögliche — nur nicht an das, was tatsächlich kam.
Fünfzehn Minuten später klingelte es. Ich öffnete, weil ich in dem Moment noch dachte, das Haus gehöre mir, das Sagen habe ich. Ein großer Mann im dunklen Wollmantel stand vor der Tür, Ende dreißig, ruhig, mit einer Aktentasche unter dem Arm, als käme er direkt von der Arbeit.
Selina drehte sich um. Ihr Glas fiel ihr aus der Hand, zersprang auf dem Parkett, den Crémant, den sie selbst mitgebracht hatte, jetzt eine Lache zwischen den Scherben.
"Das ist mein Mann!"
Ich hörte auf zu lächeln.
Der Mann hieß Robert Fenske, wie sich in den nächsten drei Minuten herausstellte. Verheiratet mit Selina seit neun Jahren, wohnhaft in Emmendingen, nichts von der "freiberuflichen" Wohnung in Kirchzarten wissend, bis Nadine ihn zwei Wochen zuvor kontaktiert hatte — über ein Adressbuch, das Selina einmal in unserem gemeinsamen Auto liegen gelassen hatte und das Nadine, ohne ein Wort zu sagen, fotografiert hatte.
Robert stand im Flur, sah seine Frau mit den Koffern an, sah mich an, und sagte nur einen Satz, der mir mehr wehtat als alles, was Nadine hätte schreien können: "Ich habe mich schon gefragt, wo unser Ehering aus dem Wochenendhaus in Kirchzarten geblieben ist."
Selina sagte nichts. Sie starrte auf die Scherben zu ihren Füßen.
Nadine ging in dieser Zeit nicht ins Wohnzimmer, um zu schreien oder zu triumphieren. Sie ging in unser gemeinsames Arbeitszimmer und kam mit einer beigen Mappe zurück, die ich seit Wochen im Aktenschrank hatte liegen sehen, ohne zu wissen, was darin war.
Sie legte die Mappe auf den Küchentisch, zwischen die Weinscherben und den Petersilienrest. Darin: die Kopie des Grundbuchauszugs unseres Hauses in der Wiehre, eingetragen allein auf ihren Namen, weil es ihre Erbschaft von 2015 war, die den größten Teil des Kaufpreises gedeckt hatte — 340.000 Euro, die ihre Eltern ihr hinterlassen hatten. Darin: der bereits unterschriebene Entwurf einer Trennungsvereinbarung, ausgearbeitet von der Kanzlei am Augustinerplatz, mit einer Frist von vierzehn Tagen für meinen Auszug. Und darin: ein Kontoauszug meines Firmenkontos, das nur deshalch existierte, weil Nadine vor elf Jahren mit ihrem Ersparten meine Beratungsfirma mitfinanziert hatte — Geld, das laut Vertrag bei einer Trennung binnen dreißig Tagen zurückzuzahlen war.
"Du hast vierzehn Tage, um deine Sachen zu holen", sagte sie zu mir, ruhig, ohne die Stimme zu heben. "Und die 60.000 Euro aus dem Beteiligungsvertrag überweist du binnen dreißig Tagen zurück, sonst geht es zur Klage."
Ich stand da mit meinem Crémant-Glas in der Hand und begriff, dass ich in den letzten vier Monaten geglaubt hatte, ich sei derjenige, der die Regeln neu schreibt — während Nadine längst die einzige war, die überhaupt wusste, welches Spiel wir spielten.
Robert nahm Selinas Koffer, beide, ohne sie zu fragen, und trug sie zurück zum Auto. Selina folgte ihm bis zur Tür, drehte sich noch einmal um, wollte etwas sagen. Nadine sah sie nicht mehr an. Sie war schon dabei, die Scherben mit dem Handfeger zusammenzukehren, so ruhig, als würde sie das jeden Abend tun.
Ich wohne inzwischen in einer möblierten Zweizimmerwohnung in Herdern, drei Straßenbahnstationen von dem Haus entfernt, das nie mir gehört hat. Die 60.000 Euro habe ich in zwei Raten überwiesen, die zweite drei Tage zu spät, wofür mein eigener Anwalt mir eine zusätzliche Mahngebühr erklärte, die ich nicht kommen sah. Nadine hat das Haus behalten. Und jeden Dienstag, wenn ich zufällig an der Wiehre vorbeikomme, weil meine neue Wohnung auf dem Weg zur Arbeit liegt, sehe ich Licht in der Küche brennen — und weiß, dass sie längst weitergezogen ist, während ich noch immer versuche zu verstehen, wie ich in einem einzigen Abend alles verloren habe, was ich für selbstverständlich hielt.
